Wenn "gehypte" Politiker am Ende "absahnen"

WIR MÜSSEN REDEN: Absichten und Wahrnehmungen

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 12. Februar 2018

Wir müssen reden

Wir nehmen das wahr, was wir wahrnehmen wollen. Nicht immer, aber häufig. Besonders in aufgeregten Zeiten. Die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten wird derzeit besonders gerne kritisch wahrgenommen, fast so kritisch wie die Arbeit von Politikerinnen und Politikern. Wenn Medien über Politik berichten, suchen manche Leser, es sind in der Tat meist Leser, gerne nach Haaren in der Suppe. Vor allem aber vermuten sie Absicht, wo meist Stress für den Haarverlust verantwortlich war.

Das Thema Regierungsbildung eignet sich hervorragend für derartige Geplänkel. Die Einschätzung im Tagesspiegel vom 9. Februar, der Hype um Martin Schulz sei von Anfang an ein tragisches Missverständnis für ihn und die Partei gewesen, erweist sich dann als willkommene Einladung zum Konter: "Erinnern Sie sich nicht mehr, wie Ihr Blatt und ähnliche grün-rote Gesinnungsgenossen eine geradezu hysterische Show mit 100-Prozent-Schulz vorführten?"

Dass Meinungsforscher, aber auch manche Journalisten sich vor einem Jahr von einer wie immer gemessenen Stimmung haben irreführen lassen, ist nicht zu bestreiten. In der BZ aber gab es schon Ende Januar eine sehr skeptische Analyse. Und einige Tage später begann ein anderer Leitartikel mit dem Satz: "Man muss sich durchaus Sorgen machen um Martin Schulz". Der Autor hätte das auch härter formulieren können. Aber hat nicht jeder eine Chance verdient? In dieser Leserkritik steckt wahrscheinlich ein weit verbreitetes Missverständnis. Wenn ein solcher Hype entsteht, dann muss eine Zeitung darüber berichten. Sie macht sich die Geschichte dadurch aber nicht zu eigen. Sie analysiert oder kommentiert sie separat. Das wird oft übersehen.

Dass manche meinen, in einer Zeitung seien grundsätzlich alle Texte meinungsgefärbt, ist ebenso Folge einer selektiven Wahrnehmung wie die Einschätzung von Journalisten, sie würden zwischen Nachricht und Kommentar immer sauber trennen. Handwerkliche Fehler unterlaufen jedem und jeder, bewusster Gesinnungseifer steckt eher selten dahinter. Zeitungen als langsame Medien konzentrieren sich heute auf ihre Stärken: die vertiefende Recherche, die Analyse und die Kommentierung. Aber bei keiner dieser Stilformen darf es nur um Meinungen gehen. Wichtig sind die Argumente, ist die Einordnung von abgesicherten Fakten.

Deshalb ist die Unterstellung eines Lesers falsch, der eine Überschrift zur Einigung über den Koalitionsvertrag mit "typisch meinungsgelenkte Zeitung" kommentiert. Was nicht heißt, dass diese Überschrift "SPD sahnt bei Ministerposten ab" verteidigt werden soll. Sie ist sprachlich despektierlich, kommentierend und inhaltlich zumindest zweifelhaft. Neun Ministerien für die Union und sechs für die SPD zeigen ein Verhältnis von 60 : 40, beim Wahlergebnis sind es 61,6 : 38,4. Berücksichtigt man die Kanzlerin und zusätzlich drei Staatsminister für die Union (zwei für die SPD), dann ist das Verhältnis mathematisch ausgewogen. Die SPD hat sich freilich die politisch gewichtigeren Positionen gesichert. Das ärgert Unionsanhänger. Journalisten sollten da nüchterner sein. Das Wort "absahnen" hat zudem einen negativen Klang. Wer allzu flott formulieren will, greift gerne daneben. Dieses Risiko, Nebenwirkungen einer Wortwahl zu übersehen, wächst mit der Intensität eines langen Arbeitstages. Das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles.