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19. Juni 2017

Wir müssen reden

Die Welt der Marktschreier

Journalisten, so lautet ein wiederkehrender Vorwurf von Leserinnen und Lesern, neigen zu Übertreibungen. Die Gefahr besteht, auch wenn man sich natürlich vor Verallgemeinerungen hüten sollte und als Journalist geneigt ist, diese Kritik mit einem Gegenangriff zu kontern: Ja, aber was ist mit den Politikern, den Sportlern oder den Wirtschaftsleuten? Dieses Spiel ist weltweit so beliebt, dass es bereits einen Namen erhalten hat: Whataboutismus. Donald Trump, der amerikanische Präsident, ist ein Musterbeispiel für beides, die Übertreibung und die Verteidigung durch Gegenangriff. Er übertreibt ins Absurde, aber er ist ein Kind seiner Zeit.

Der Superlativ ist der Positiv der Gegenwart. Wir erinnern uns dunkel an den Deutschunterricht: Positiv, Komparativ, Superlativ – gut, besser, am besten. Alles unter Spitze ist nur noch zum Gähnen. Das aber lässt auch die Fallhöhe wachsen – bei Enttarnten wie Enttäuschten. Diese sprachliche Aufgeblasenheit ist ein Privileg von Kindern und eine Plage der Werbung. Der Superlativ ist das Lieblingskind der Marktschreier, Journalisten sollten ihm mit Misstrauen begegnen. In der Regel platzt er bei Prüfung wie ein Luftballon, in den man eine Nadel sticht. Was wirklich wichtig ist, braucht keine sprachliche Verstärkung. Die unterstreicht nur die Wichtigkeit des Unwichtigen.

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Journalisten sollten das wissen, aber und wer träumte nicht von der Geschichte, die einen Skandal aufdeckt oder eine Sensation? Wer träumte nicht davon, aus dem anschwellenden Grundrauschen der modernen Medienwelt einmal mit einem Solo herauszutreten? Und wer geriete nicht – zumindest manchmal – in Gefahr, den Lärm einer marktschreierisch gewordenen Gesellschaft übertönen zu wollen? Der Autor und die Redaktion der Badischen Zeitung sind dagegen selbstverständlich immun. Denn hier arbeiten nur die Allercoolsten. Deshalb stimmt es auch, dass der deutsche Eishockeyspieler Tom Kühnhackl einen "Triumph für die Geschichtsbücher" feierte, weil er als erster Deutscher zweimal den amerikanischen Stanley-Cup gewonnen hat, obwohl er dabei nur "zitternder Zuschauer" war. Ehrlich.

Das ist nur ein beliebiges Beispiel. Die Welt ist voll von solchen historischen Momenten und neuen Kapiteln, die Politiker, Manager oder Sportler immer wieder aufschlagen, von Sensationen und Stars, die von Hartz IV leben.

Doch wo der Superlativ zum Normalfall wird, fehlt es an Steigerungsmöglichkeiten für das Außergewöhnliche. Manchmal hilft dann noch die Flucht in den Elativ, das ist der absolute Superlativ, also nicht nur das vergleichsweise Beste. Mehr geht nicht. Zuweilen wird es auch da schon eng. Der GAU, der größte anzunehmende Unfall, muss dann zum Super-GAU gesteigert werden. Darüber hinaus helfen nur noch Ausrufezeichen. Man könnte mit Erich Kästner spotten: "So groß wie heute war die Zeit noch nie." Doch Vorsicht. Dieses Zitat stammt aus einem Gedicht, das 1931 geschrieben wurde und mit dem Satz endet "Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung".

Journalisten sollten auf dem Positiv beharren. Er entlarvt Unwichtiges als unwichtig und macht starke Geschichten stärker. Auch wenn er irritierend wirkt in einer Welt von Marktschreiern. Oder vielleicht gerade deshalb. Die Frage ist, ob das dann zur Zufriedenheit der Leserinnen und Leser geschieht, oder ob die auf voller oder gar vollster Zufriedenheit beharren. Das wäre dann das Allergrößte. Absolut.

Autor: Thomas Hauser