Leser und Ansprüche

WIR MÜSSEN REDEN: Gibt es ein Recht auf den Abdruck von Leserbriefen?

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 30. Juli 2018

Kolumnen (Sonstige)

Das Thema beschäftigt die Zeitung regelmäßig. Kürzlich erreichte mich folgendes Schreiben: "Jetzt ist mir die Badische Zeitung nach Monaten endlich wieder mal einen Leserbrief schuldig. Teilen Sie mir kurzfristig mit, ob das geschieht, oder ich den Text wieder an verschiedene Internetzeitungen schicken muss, die sich um meine Kommentare und Veröffentlichungen richtig reißen." Dieser Vorspann vor einem Leserbrief enthält – wie ich finde – zwei Anmaßungen, abgesehen davon, dass der Ombudsmann ohnehin nicht über den Abdruck von Leserbriefen entscheidet. Das obliegt der zuständigen Redaktion und in letzter Verantwortung dem Chefredakteur.

Druck erzeugt Gegendruck. Das weiß man aus der Physik. Aber wer hat im Physikunterricht schon zugehört? Martin Bangemanns Oma stieß mit ihren Weisheiten offenbar häufiger auf offene Ohren. Der ehemalige FDP-Politiker und Bundeswirtschaftsminister zitierte gerne ihren Rat: "Bub, wenn dich niemand lobt, lob dich selber." Wenn aber andere sich um diesen Leserautoren reißen, tritt die Badische Zeitung gerne zurück. Zumal zu ahnen ist, dass die immer gleichen Argumente zu immer gleichen Themen letztlich doch nur in Foren willkommen sind, die diese Argumente auch teilen und sich ihrer gerne immer wieder aufs Neue versichern.

Die Diskussion der vergangenen Wochen lassen freilich ahnen, dass eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger ganz andere Themen und Sorgen umtreibt, als uns eine lautstarke Minderheit bis hin in Teile der Bundesregierung glauben machen will.

Der zweite Punkt betrifft die Schuld. Ist es eine Zeitung einem Leser wirklich schuldig, seine Briefe zumindest ab und zu abzudrucken? Juristisch sicher nicht, auch wenn es schon vor Jahren eine Gruppe gab, die sich für ein Recht auf Abdruck ihrer Briefe in der Badischen Zeitung stark machte.

Leserinnen und Leser haben ein Recht darauf, täglich frühzeitig eine qualitativ gute Zeitung in ihrem Briefkasten oder auf ihrem Tablett vorzufinden. Das ist schon schwer genug heutzutage, wo der Konsens über die Frage, was Qualität sei, zerbrochen ist und der Vertrieb eine tägliche Herausforderung darstellt. Ein Recht auf Abdruck von Leserbriefen würde zudem einen Proteststurm derer auslösen, für die wir ohnehin schon zu viele Lesermeinungen im Blatt haben.

Das gilt übrigens auch für einen anderen Konflikt. Er entsteht dort, wo Leser auf Leser antworten und sich daraus eine Privatdiskussion unter zwei oder drei Personen anschließt. Im Internet ist das ein minderes Problem. In der gedruckten Zeitung, in der diese Diskussion – durch den Erscheinungsrhythmus – zeitlich verzögert wird, langweilt das andere schnell. Andererseits: Muss man falsch Verstandenes nicht klarstellen dürfen? Aber wann muss man dann ein solches Geplänkel beenden? Die einfachste Regel wäre, keine Briefe zuzulassen, die sich auf Leserbriefe beziehen. Leserbriefe sind ja eigentlich Briefe an die Redaktion und nicht Briefe an andere Leserinnen und Leser. Aber so viel Zurückhaltung ist wohl ein frommer Wunsch, oder?