BZ-Ombudsmann

Das Kreuz mit dem kollektiven Gedächtnis

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Di, 06. Juni 2017

Wir müssen reden

Es gibt Fragen, die lassen sich nicht abschließend beantworten. Mit dem Internet tauchen eine ganze Reihe solcher Fragen neu auf. Zum Beispiel im Persönlichkeitsrecht. In Zeiten, in denen Zeitungsartikel ausschließlich gedruckt wurden, war die Lage überschaubar. Gedruckt war gedruckt. Wer sich von einem Artikel in seinen Rechten verletzt sah, konnte eine Gegendarstellung erwirken, Fehler korrigieren und den Wiederholungsfall strafbewehrt untersagen lassen. Damit konnte man meist gut leben, denn der Artikel verschwand mit dem Altpapier aus dem Gedächtnis, war in der Regel nur noch in Archiven auffindbar.

Mit den schier unendlichen Speicherkapazitäten im Internet und den dort gebotenen Recherchemöglichkeiten aber wurde das Archiv permanenter Begleiter von jedem und jeder. Für private Accounts in sozialen Netzwerken gibt es zwar das Recht auf Vergessen, aber jeder, der einmal versucht hat, seine Spuren dort zu löschen, weiß, wie schwierig und komplex das ist.

Auch bei klassischen Medien hat die Zahl der Löschungswünsche deutlich zugenommen. Das hat dazu geführt, dass Journalisten noch gründlicher abwägen müssen zwischen dem Persönlichkeitsrecht und dem öffentlichen Interesse, insbesondere wenn Menschen durch die Berichterstattung identifiziert werden können.

Alle dies lässt sich juristisch noch einigermaßen sauber regeln, auch wenn nicht jeder mit jeder Entscheidung einverstanden sein muss. Was aber geschieht, wenn jemand sich in Parteien, Bürgerinitiativen oder Vereinen engagiert, sich dabei freiwillig in die Öffentlichkeit begibt, durch Statements oder Handlungen Objekt der Berichterstattung wird, dies später aber ungeschehen machen will. Sei es, weil es ihm peinlich ist, sei es, weil es ihm Nachteile oder unangenehme Fragen bescheren kann. Gewiss, auch das gab es schon in Zeiten ohne Internet. Aber das Risiko, damit später konfrontiert zu werden, ist seither gestiegen. Und zugleich der Zwang zur Selbstoptimierung.

Mit den wachsenden Wünschen, Unliebsames aus dem kollektiv verfügbaren Gedächtnis zu tilgen aber geraten Medien an Grenzen. Nicht nur, weil der damit verbundene große Aufwand letztlich von den Abonnenten bezahlt werden muss. Wenn Redaktionen sich darauf einlassen würden, Stellungnahmen oder Handlungen von Personen nach einer gewissen Zeit aus Artikeln zu redigieren, nur weil der oder die Betroffene davon im Nachhinein nichts mehr wissen will, verfälschten sie Ereignisse oder tilgten Informationen, die womöglich zum Verständnis einer öffentlichen Diskussion wichtig oder gar unerlässlich sind. Und die gedruckte Version unterschiede sich von der im weltweiten Netz.

Deshalb muss zunächst der Grundsatz gelten: Getan ist getan. Es obliegt dann dem oder den Betroffenen nachzuweisen, dass ihre Rechte dadurch in unzumutbarer Weise beeinträchtigt werden. Das gerne gewählte Argument, man habe sein Einverständnis zur Veröffentlichung nur für die gedruckte Zeitung gegeben. Dass der Text auch im Internet erscheinen würde, habe man nicht gewusst, darauf sei man auch nicht aufmerksam gemacht worden, ist allenfalls für Texte ein ernst zu nehmendes Argument, die älter sind als 15 Jahre. Dass die verschiedenen Medien sich heute nicht mehr trennen lassen, sollte sich zwischenzeitlich herumgesprochen haben.

Nicht nur deshalb helfen meist Gelassenheit und Selbstironie. Hochglanzpolierte Biografien sind sowieso unglaubwürdig. Auch ein Journalist, der eigene Artikel aus ferner Vergangenheit liest, weiß manchmal nicht, ob er darüber lachen oder vor Scham im Boden versinken soll. Niemand ist halt perfekt.