Wir müssen reden

Suizide und Unfälle: Warum Medien manchmal mundfaul sind

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 10. Juli 2017

Wir müssen reden

G
estern wurde wohl ein Mensch vom Zug erfasst. Die Bahnlinie war vorübergehend gesperrt. Zeitung und Radio aber berichten nicht. Warum?" Diese Frage wird uns immer wieder gestellt und Jeder und Jede kennen wahrscheinlich die Situation: Man steckt mit dem Zug fest oder steht im Stau auf der Straße und will natürlich wissen, was da die Ursache war.

Ein verständlicher Wunsch. Doch das Informationsbedürfnis muss von Journalisten immer abgewogen werden, sehr oft gegen Persönlichkeitsrechte manchmal auch gegen eine Mahnung von Medizinern oder Psychologen. Wie in diesem Fall. Dass Bahnlinien vorübergehend unterbrochen sind, weil Menschen für sich keinen Weg mehr sehen und sich deshalb das Leben nehmen, kommt leider immer wieder vor. Berichtet wird darüber allenfalls, wenn es sich um sehr prominente Personen handelt und auch dann nur mit Bauchgrimmen.

Das freilich ist nicht der Furcht vor dem Presserat geschuldet, der hier größtmögliche Zurückhaltung empfiehlt. Es ist die Sorge vor Nachahmern. Medienwirkungsforscher, Sozialpsychologen und Soziologen haben nämlich immer wieder nachgewiesen, dass die Suizidrate in der Bevölkerung steigt, wenn in den Medien über Selbsttötungen berichtet wurde. Nachweisbar war dies zum Beispiel nach dem Tod des Fußballspielers Robert Enke. Man nennt das den Werther-Effekt (nach "Die Leiden des jungen Werther" von Johann Wolfgang von Goethe). Ein Menschenleben aber wiegt in diesem Fall deutlich schwerer als das Informationsbedürfnis anderer Menschen.

Weniger dramatisch, aber dafür häufiger umstritten ist nicht nur die Frage nach der Nennung von Nationalitäten bei Straftaten, sondern auch die Altersangabe bei Unfällen. Ein Leser hat hier zahlreiche Beispiele gesammelt, mit denen er zu der Erkenntnis kommt, dass Medien das Alter immer dann nennen, wenn der Unfallverursacher älter ist. Das könnte, auch wenn er der Zeitung das nicht vorwirft, Altersdiskriminierung sein. Das ist es aber nicht, zumindest dann, wenn handwerklich sauber gearbeitet wird. Das Alter wird in der Regel immer dann genannt, wenn es für das Verständnis des Unfalls relevant ist.

Die Statistik zeigt uns, dass Junge und Alte häufiger Unfälle verursachen. Bei den Jungen ist das in mangelnder Routine oder Selbstüberschätzung begründet, zum Beispiel dann, wenn mehrere Personen im Wagen sitzen. Alkohol und Drogen können diesen Effekt verstärken (Stichwort Diskounfälle). Bei Älteren lässt die Fahrtüchtigkeit nach, auch wenn Betroffene das oft nicht wahrhaben wollen. In beiden Fällen ist also ein Zusammenhang zwischen Alter und Unfallhergang wahrscheinlich und kann damit für den Unfallhergang relevant sein.

Bei Verkehrsunfällen wird darüber hinaus das Alter von Todesopfern genannt. Zwingend ist das nicht, da gerade der Schutz von Opfern und ihrer Angehörigen einen hohen Stellenwert haben sollte.

Leider wird nicht immer und überall sauber gearbeitet. Häufig ist festzustellen, dass die Altersangabe nur aus stilistischen Gründen benutzt wird, etwa um Wortwiederholungen zu vermeiden. Das richtet zwar meist keinen Schaden an, bringt Lesern aber kaum einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.