Von Vorurteilen und notwendiger Ermahnung

WIR MÜSSEN REDEN: Im Auge des Betrachters

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 18. September 2017

Wir müssen reden

Diskussionen mit Leserinnen und Lesern sind selten langweilig, oft aber fordernd. Das hat nicht nur damit zu tun, dass es schwierig ist, gefestigte Vorurteile zu erschüttern, die einige bei ihrem Besuch zu bestätigen suchen. In diese Kategorie gehört die Einschätzung, die große Mehrheit der Redaktion (im Raum stehen dann 80 Prozent) wähle links. Auch wenn das Verhalten von Arbeitnehmern von den Chefs zum Glück nicht überprüft werden kann, scheint mir diese Behauptung aus dem Reich der Fabel zu stammen. Auch Redakteurinnen und Redakteure sind Kinder ihrer Zeit und der Gesellschaft, in der sie leben. Sie sind, das bedingt der Beruf, oft skeptischer und kritischer als andere. Aber diese Sicht richtet sich gegen alle Parteien, besondere die regierenden. Dass diese nötige Distanz nicht von allen und in jedem Artikel gehalten wird, ist wiederum menschlich, aber immer wieder Gegenstand von redaktionsinternen Diskussionen. Bei allen Leserbefragungen – zugegeben, die jüngste liegt schon etwas zurück – geht es auch um die Einschätzung der politischen Orientierung dieser Zeitung. Zu rechts liegt eher vorn. Es kommt auf den politischen Standort des Betrachters an.

Schwieriger aber ist es mit Kritik umzugehen, die immer wieder geäußert wird, die man selbst auch als gerechtfertigt empfindet, deren Ursache man aber offenbar nicht abzustellen vermag. Da gibt es zum Beispiel jenen Leser, der seit Jahren bemängelt, dass bei Rezensionen ausländischer Autoren der Name des Übersetzers oder der Übersetzerin nicht genannt wird. Warum nicht? Ich weiß es nicht, und es gibt, soweit ich das überblicken kann, in dieser Redaktion auch niemand, der bestreiten würde, dass dieser Name zu einer Besprechung dazugehört. Gesprochen wurde darüber schon oft. Vielleicht hilft ja das öffentliche Eingeständnis dieses Versäumnisses, es künftig besser zu machen. Der Leser jedenfalls wird nicht müde werden, uns das um die Ohren zu hauen. Er hat sogar schon eine eigene Homepage dafür angelegt.

Andere Dauerherausforderungen, wie der nimmermüde Fehlerteufel, sind an dieser Stelle schon als Sisyphusarbeit beschrieben worden. Ständige Herausforderungen bleiben auch das Ausleuchten von Hintergründen und das Nachhaken bei Themen, die einmal aufwallen, dann aber – nur halb geklärt – wieder aus unserem Blickfeld geraten. Dies ist Königsdisziplin einer Regionalzeitung, gerade wenn es sich um lokale und regionale Themen handelt. Kaum ein Journalist, der nicht genau hier einen besonderen Ehrgeiz hätte. Dies immer wieder fordernd, hört freilich jede Führungskraft Stoßseufzer, die frei nach Joachim Gauck klingen: Unser Wollen ist groß, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Das freilich darf kein Freibrief für Bequemlichkeit sein. Wohl aber die Begründung dafür, dass eine Redaktion ihre Kräfte auf das wirklich Wichtige konzentrieren muss. Darum muss täglich gerungen werden.