Journalisten brauchen Informanten

WIR MÜSSEN REDEN: Objektivität und Kritik

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 21. August 2017

Wir müssen reden

Sommerzeit, Zeit eine erste Bilanz zu ziehen als Ombudsmann. Sie fällt durchwachsen aus wie das Sommerwetter. Auf der Sonnenseite zu buchen ist der Eindruck, dass die Leserinnen und Leser mit ihrer Badischen Zeitung ganz gut zurechtkommen – jedenfalls in Ihrer großen Mehrzahl. Schwere Gewitter sind bislang ausgeblieben und dort wo Kritik geübt wird, geschieht dies in der Regel so, dass daraus ein konstruktiver Diskurs entstehen kann. Herzlichen dank dafür.

Zwei Kritikpunkte sind freilich Dauerbrenner: die Fehler und die Verärgerung, wenn Briefe mit Fragen an die Redaktion nicht beantwortet werden. Beides sind auch Probleme, die mich quälen, zumal ich da selbst immer wieder Versäumnisse einräumen muss. Es bleibt ein Dilemma: Auch wenn man Verständnis dafür haben muss, dass Fehler passieren oder die Antwort auf einen Brief vergessen wird, man darf das niemals akzeptieren oder gar vor der Herausforderung kapitulieren, gleichgültig werden. Deshalb ist es zwar lästig, wenn Leserinnen und Leser immer wieder den Finger in diese Wunden legen, aber es wäre fatal, wenn sie es nicht täten. Die Redaktion muss sich quälen, nicht die Leserinnen und Leser.

Schwerer tue ich mich mit der immer wiederkehrenden Forderung, die Redaktion müsse "objektiv" berichten. Zumal diese Forderung oft einhergeht mit dem Anspruch, die Zeitung müsse kritischer berichten. Mit Letzteres kann ich umgehen, halte es selbst für erstrebenswert. Aber die beiden Ziele beißen sich, wobei Objektivität von Menschen ohnehin ein Widerspruch in sich selbst ist. Eine Zeitung, die dieses Ziel als unbedingt vorrangig definierte, müsste sich zurück in Richtung der alten Generalanzeiger entwickeln – reine Nachrichten ohne Anschauung, Kommentierung und Hintergrund. All das sind nämlich subjektiv gefärbte Formen. Doch auch die Auswahl der Nachrichten ist subjektiv. Wer abwägt, was, wo und wie groß in der Zeitung präsentiert werden soll, setzt Schwerpunkte. Die können nach professionellen Kriterien erfolgen, aber wer definiert die? Als Leser sollte man sich bewusst sein, dass Medien immer ein Angebot sind und nie umfassend und schon gar nicht objektiv sein können. Aber es gibt zum Glück ja viele.

Etwas anderes ist es mit der kritischen Distanz. Die muss – meiner Überzeugung nach – in den Genen guter Journalisten verankert sein. Aber das schreibt sich so leicht. Besserwisser sind nicht beliebt. Ähnlich ergeht es Menschen, die permanent nach dem Haar in der Suppe suchen. Doch Mitleid ist nicht geboten. Man muss ja nicht Journalist werden. Zu große Milde oder fehlende Distanz darf und muss man kritisieren, wenn es Anlass dafür gibt. Besonders gefährdet ist da das Lokale, dort, wo auch die Nähe am größten ist. Man sollte dabei freilich bedenken, dass Reporter Gerüchte oder vage Hinweise allenfalls als Anfangsverdacht einer Recherche nehmen können. Berichtet werden kann nur, wenn es ausreichend Fakten und Quellen gibt. Journalisten brauchen Informanten, aber auch bei denen ist die Nähe im Lokalen am größten. Gerade hier gilt besonders: Man liebt den Verrat, aber man hasst den Verräter. Auch dann, wenn er einer guten Sache dient.