Halt in Zeiten von Umbrüchen

WIR MÜSSEN REDEN: Verwirrend vielfältig und vielfältig verwirrt

Thomas Hauser

Von Thomas Hauser

Mo, 30. Oktober 2017

Wir müssen reden

Wer Entscheidungen fällt, wundert sich manchmal über deren Folgen. Zwei von drei Deutschen sind mit dem Ergebnis der Bundestagswahl nicht zufrieden. Äußert sich da Zweifel an der viel beschworenen Schwarmintelligenz? Vielleicht. Wahrscheinlich aber spiegelt dieses Ergebnis nur die aktuelle Gemütslage in Deutschland. Sie ist verwirrend vielfältig und vielfältig verwirrt. Trotzdem hat mich überrascht, dass mein Leitartikel vom 29. September "Die verdrängte Herausforderung" ein so großes und nachhaltiges Echo fand. Darin versuchte ich zu ergründen, was diese Gesellschaft zusammenhalten könnte, wenn es nicht die Nation ist, deren Betonung Europa eine lange Zeit blutiger Auseinandersetzungen beschert hat. Auch die Religion erfüllt diese Rolle schon lange nicht mehr, zumindest nicht für breite Bevölkerungsschichten.

Dieser Leitartikel musste vage enden:
"Wer dem Nationalismus wie dem religiösen Fanatismus ihre trügerische Verführungskraft für verunsicherte Bürger nehmen will, muss diesen Alternativen eröffnen. Gefragt ist ein Fundament aus Werten, Regeln und Bindungen für einen weltoffenen und multiethnischen Rechtsstaat. Wer Einheit in Vielfalt will, muss dafür werben und Integrationsarbeit leisten, nicht nur bei Migranten. Gesucht wird ein moderner Patriotismus, der nicht nur immuner macht gegen totalitäre und rassistische Versuchungen – er ist auch Voraussetzung für ein gelingendes Zusammenwachsen Europas."

Trotzdem traf er offenbar einen Nerv. Die Diskussion im Netz, aber auch viele Mails und Gespräche belegen dies. Grund genug, andere Autoren zu bitten, das Thema in seinen verschiedenen Facetten weiterzudenken. In den Gesprächen darüber wurde auch deutlich, dass Wissenschaftler, Politiker und Journalisten in ihren Analysen besser sind als in ihren Lösungsansätzen. Das ist nicht überraschend, aber es zeigt, dass es Zeiten gibt, in denen es nicht für alle Fragen Lösungen gibt. Noch nicht. Es gehört zur Zumutung offener Gesellschaften, dass ihre Bürgerinnen und Bürger solche Phasen der Verunsicherung und der Unsicherheit aushalten müssen. Nicht als Bedrohung, sondern als Ansporn, diese Umbrüche zu nutzen, neue Lösungen zu entwickeln. Das freilich beißt sich mit den Erwartungen der meisten an die Politik, für alle Probleme Lösungen haben zu sollen. Und öffnet Räume für Scharlatane und Verführer, die behaupten, sie kennten die Lösung.

Wenn wir den Einzelnen damit überfordern, dann hülfe vielleicht, wenn sich viele an einer solchen Diskussion beteiligten. Nicht, um mitzuteilen, dass Sie das Ei des Kolumbus gefunden hätten. Sondern um ein Kaleidoskop entstehen zu lassen, aus dem sich Spuren für einen möglichen Weg in Richtung Lösung herausarbeiten ließen. Umwege über Sackgassen eingeschlossen.

Ein Versuch ist das wert. Schreiben Sie mir also Ihre Gedanken zum oben zitierten Schlussabschnitt des Leitartikels vom 29. September. Ich würde dann versuchen, daraus Spuren herauszudestillieren und diese wieder zur Diskussion zu stellen. Vielleicht lassen sich so tatsächlich neue Ideen entwickeln. Verlieren kann dabei niemand. Im schlimmsten Fall müssten wir gemeinsam erkennen, dass wir noch Zeit brauchen und diese den politisch Engagierten ebenfalls geben müssen. Auch das aber wäre ein wichtiges Ergebnis.