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24. Januar 2012

Als die Kirche ihre Selbstisolation überwand

Erst 1962 – Jahrzehnte zu spät – begann das Zweite Vatikanische Konzil / Symposium in Wien zum Jubiläumsjahr.

Die katholische Kirche gedenkt 2012 des wichtigsten Ereignisses ihrer jüngeren Geschichte: der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Der bildmächtige Einzug der 2500 Konzilsväter in den Petersdom ließ die Christen auf ein neues Pfingsten hoffen. Und er begründete die Erwartung, die Bischöfe und Äbte würden die Mauer zur Welt überwinden.

Papst Pius IX. hatte sie 1864 mit seinem "Syllabus Errorum" errichtet, Pius X. sie mit seinem Antimodernisten-Eid 1910 noch verstärkt. Ihre Nachfolger ließen diese ideologisch hochgezogene Brandwand stehen – gegen die Aufklärung, Erkenntnisse der Naturwissenschaften und die textkritische Exegese der Bibel.

Kam das Zweite Vatikanische Konzil deshalb um 50 oder gar um 100 Jahre zu spät, als es am 11. Oktober 1962 endlich eröffnet wurde? Immerhin avancierte es, wie der renommierte Freiburger Jesuit Karl Rahner (1904 bis 1984) einst resümierte, mit seinen 16 Konstitutionen, Dekreten und Erklärungen zum ersten Ereignis, das den Katholiken ihr neues Selbstverständnis als Weltkirche erschloss. Und erst mit diesem Konzil habe die Kirche ihre Selbstisolation überwunden, bilanzierte jetzt der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff auf einem Symposium der Universität Wien.

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Doch über Verbindlichkeit und Akzeptanz der Konzilsdokumente wird weiter diskutiert. Antagonistisch, "über tiefe Gräben der Interpretation hinweg", wie der früher in Freiburg lehrende Tübinger Theologe Peter Hünermann konstatiert. Ihre Gegner sind jene, die das Zweite Vatikanum nur 90 Jahre nach dem Vorgängerkonzil für obsolet erklären und seine Dokumente für nichts anderes als leeres Papier halten.

Hatte man nicht schon 1870 den Papst in Lehrfragen für unfehlbar erklärt und damit die monokratische Dreifachrolle des "Stellvertreters Christi auf Erden" als Legislative, Exekutive und Judikative bis fast ins Gottähnliche erhoben? Damit schienen, zumindest potenziell, alle Fragen für alle Zeiten beantwortet.

Dieser Minderheit steht die Mehrheit jener gegenüber, die wie der "gute Papst" Johannes XXIII., der Initiator des Konzils, die Fenster öffnen und die fast 2000-jährige Kirche mit Frischluft beleben wollen. Sie sollen sich, so gab der greise Pontifex den Konzilsvätern vor, den Menschen zuwenden, ohne sich der Welt anzubiedern. Also vor allem pastoral und nicht wieder dogmatisch. Viele beklagen bis heute, dass die Kirche ihre Chancen aus dem Konzil nicht offensiver nutze. Und dass die Bischöfe, bedauert der Wiener Historiker Thomas Prügl, so wenig Mut bewiesen, selbstbewusster zu amtieren.

Die Kritik konzentriert sich auch auf jenen Bereich, den die Gläubigen unmittelbar erleben: die Liturgie. Der Papst sieht mit Sorge, dass sein Klerus die Intentionen des Zweiten Vatikanums am Altar nicht immer traditionstreu und theologisch substanziell interpretiert. Benedikt XVI. klagt über Eigenmächtigkeiten, ja sogar über "Wildwuchs". Auch deshalb hat er die alte ("tridentinische") Messe wieder zugelassen.

Positiveres Verständnis der Toleranz gewünscht

Der Freiburger Liturgiewissenschaftler Helmut Hoping beklagte in Wien, dass die deutschen Bischöfe Benedikts Bitte ignorieren, bei der Messfeier den Friedensgruß des Priesters an die Gläubigen und dieser untereinander ans Ende des Wortgottesdienstes vorzuziehen.

Für die geistige Weite der katholischen Kirche viel wichtiger war indes das Ja der Konzilsväter zur Erklärung "Dignitatis humanae": ihr Bekenntnis zur Religionsfreiheit. Die Pflicht, nach der Wahrheit zu suchen, begründe das Postulat dieser Freiheit, wie Schockenhoff unterstreicht. Es fordert von der Kirche ein positiveres Verständnis der Toleranz, die sie bislang immer nur defensiv dulde.

Der Moraltheologe folgert aus der Feststellung des Papstes, zu Gott gebe es so viele Wege, wie es Menschen gebe, dass "auch in der Kirche Glaubensfreiheit möglich sein muss ohne den Einsatz von Zwangsmitteln".

Sympathisch offen die Überzeugung seiner Wiener Kollegin und Vize-Dekanin Sigrid Müller: Sie nennt das Miteinander von Glaube und Vernunft eine Aufgabe – der Papst definiert das eher apodiktisch als Axiom oder zumindest als Selbstverständlichkeit.

Jan-Heiner Tück, 2007 in Freiburg habilitiert und seit 2010 Dogmatik-Professor in Wien, bringt auf den Punkt, was das Konzil signifikant verändert hat: "Aus den Häretikern und Schismatikern", wie der Vatikan die Christen anderer Konfessionen einst zu disqualifizieren pflegte, "sind nun unsere getrennten Schwestern und Brüder geworden."

Und die Juden, die Papst Johannes Paul II. in der Synagoge von Rom 1986 erstmals "unsere älteren Brüder" nannte, waren für seine Vorgänger vor dem Konzil doch stets nur "die Gottesmörder".

Autor: Gerhard Kiefer