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17. November 2009

Bildungspolitik

Politik und Hochschulen begrüßen Studentenproteste - eine Heuchelei

Die Bildungsproteste haben Freiburg erreicht - und auch hier erhaltendie Studierenden Rückendeckung von Politik und Hochschule. Das ist heuchlerisch,findet BZ-Redakteur Wulf Rueskamp.

Ihr Protest hat noch gar nicht richtig begonnen. Trotzdem scheinen die Studenten schon gewonnen zu haben. Denn Wissenschaftsminister in Bund und Land, Wissenschaftsorganisationen und Hochschulleitungen finden die geplanten Aktionen angemessen und berechtigt. Doch dahinter steckt ein gerüttelt Maß an Heuchelei.

Wie viele Studierende in dieser Woche auf die Straße gehen oder Hörsäle besetzen werden, weiß niemand. Nimmt man die gegenwärtige Stimmung an den Hochschulen, ist die Frustration größer als der Zorn. Aber die Politik geht schon jetzt in die Knie. Als Erste hat Bundesforschungsministerin Annette Schavan ihre Länderkollegen aufgefordert, die Hochschulreformen rasch umzusetzen. Und diese haben den Ball gleich weitergereicht an die Hochschulen: Die hätten bei den neuen Studiengängen geschlampt. Am liebsten, so hat man den Eindruck, würden sie alle mitmachen, wenn Hörsäle besetzt und Lehrveranstaltungen boykottiert werden.

Dort dürften sie dann mit Rektoren und Professoren zusammentreffen, die die heutigen Studienbedingungen ebenfalls unerträglich finden. Hoffentlich kommen in diesem Gedränge dann noch die Studenten zu Wort, etwa um den Anwesenden klarzumachen, dass es ihnen um mehr geht als um die Bachelor- und Masterstudiengänge, die sie als verschult ansehen, als auf Nützlichkeit reduzierte Ausbildung ohne Chancen zur persönlichen Bildung. Sie demonstrieren nämlich auch gegen Studiengebühren, gegen zu wenig Lehrpersonal, gegen soziale Ungerechtigkeit in der Bildung und zu niedriges Bafög, oft auch noch für eine verfasste, politisch aktive Studentenschaft.

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Der Applaus der Politik und der Hochschulen ist der offenkundige Versuch, die kommenden Proteste zu kanalisieren – auf die neuen Studiengänge. Dass dort vieles schief läuft, war frühzeitig absehbar. Die Wissenschaftsminister Europas haben vor zehn Jahren eine Reform der Hochschulbildung beschlossen, die zwar das hehre Ziel eines "europäischen Bildungsraums" verfolgte; aber sie haben dabei nicht die tatsächlich tiefgreifenden Folgen für das jeweilige nationale Hochschulsystem bedacht. Was ihnen die Politik von oben aufgedrückt hat, haben die Universitäten mit spitzen Fingern mehr schlecht als recht umgesetzt.

Nun will keiner verantwortlich sein, dass in Studium und Lehre vieles im Argen liegt. Die Kultusministerkonferenz beispielsweise hat sich jüngst bei diesem Thema nur zu lauen Empfehlungen durchringen können, die Schavan jetzt als Reform verkauft. Man muss es klar sagen: In den vergangenen zehn Jahren sind die Studiengänge in einer Weise umgemodelt worden, die nicht oder kaum am Studienerfolg orientiert war. Die Studierenden waren die Versuchskaninchen. In der Politik und den Hochschulen weiß man offenbar darum – weshalb der vorzeitige Applaus aus dieser Ecke Ausdruck eines schlechten Gewissens ist.

 

Autor: Wulf Rüskamp