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18. November 2009 11:18 Uhr

Leitartikel

Gehören Kreuze ins Klassenzimmer?

Es ist ein Kulturkampf mit Déja-vu-Charakter: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte unterstützt eine Italienerin, die gegen Kruzifixe in Schulen klagt; nun sieht sich Europa in seiner Identität bedroht.

  1. Die Diskussion um Kreuze in Klassenzimmern müsste eigentlich längst zu Ende sein. Foto: dpa

Während Italiens Bürgermeister trotzig neue Kreuze bestellen, fühlen sich Deutsche ans Bundesverfassungsgericht erinnert, das 1995 ganz ähnlich entschied. Schon dieser Rüffel hatte kaum Folgen: Die Argumente der höchsten Gerichte werden heute wie damals als ideologisch diffamiert; weil man eine Mehrheit hinter sich wähnt, meint man, ihre Urteile ignorieren zu dürfen. Das könnte sich eines Tages rächen.

Der Staat hat weltanschaulich neutral zu sein – das ist die zentrale Botschaft der Gerichte, die sie den Menschenrechten wie dem Grundgesetz entnehmen. Ein Raum, in dem als einziges Symbol ein Kruzifix hängt, ist aber nicht neutral, sondern christlich geprägt. Eine Schule, die ihren Schülern ein Kreuz neben die Weltkarte hängt, sagt ihnen: Es gibt Gott so sicher wie Berlin. Sie sagt auch: Dieser Gott ist der Gott der Christen, und hier wird nach deren Maßstäben erzogen. Nicht neutral.

AKTIVE RELIGIONSFREIHEIT NICHT BETROFFEN

Dieser Widerspruch ist so offensichtlich, dass die Diskussion längst zu Ende sein müsste. Weil sich hier aber viele Menschen betroffen fühlen, werden Grundrechte plötzlich verhandelbar – der damalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber rügte schon in den Neunzigern, dass "in der Rechtsprechung immer häufiger die Interessen irgendeiner Minderheit den Vorrang vor denen der Mehrheit" bekämen, ähnlich argumentiert in Italien Silvio Berlusconi. Genau dafür sind Grundrechte aber natürlich da: Sie schützen die Minderheit.

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Eine differenzierter formulierte Nebelkerze ist die angebliche Notwendigkeit zur Abwägung zwischen passiver und aktiver Religionsfreiheit: So wie es ein Recht darauf gebe, nicht über Gebühr von anderen Weltanschauungen behelligt zu werden, so gebe es auch das Recht auf aktive Religionsausübung. Schulkreuze hängen dauerhaft in einem staatlichen Raum, in dem Jugendliche einen Großteil ihres Lebens zubringen müssen.

Während ihre passive Religionsfreiheit also dort durch die Bevorzugung eines spezifischen Symbols durchaus beeinträchigt wird, ist die aktive von einem Verbot überhaupt nicht berührt: Das auch unter Schülern beliebte Tragen von Kreuzen als Schmuck zum Beispiel steht ja jedem frei. Verboten ist nicht der individuelle Ausdruck von Glauben, sondern die Vereinnahmung staatlicher Autorität für einen bestimmten. Das bedroht keinen Kirchturm und kein Wegkreuz. Die Gerichte fordern auch keineswegs, wie Kritiker behaupten, religionsfeindliche Räume an Staatsschulen. Nur bekenntnisfreie. Wer für sein Kind eine dezidiert christliche Bildung wünscht, kann es jederzeit an einer nichtstaatlichen, konfessionellen Schule anmelden.

Dass nicht wenige Gläubige nun versuchen, das Kreuz in ein allgemeines Zeichen für Humanismus, Freiheit oder Aufklärung umzudeuten, ist ein absurder Verrat am eigenen Symbol. Selbst wo das Kreuz nur als Zeichen für die Geschichte des Abendlandes verstanden wird, steht es auch für 1000 Jahre finsteres Mittelalter und reichlich unzivilisiertes Geschehen. Wenn es also nicht darum geht, eine bestimmte transzendentale Weltsicht mit Staatshilfe zu befördern, warum hängen wir dann nicht lieber die Menschenrechte in unsere Klassenzimmer oder die ersten Artikel des Grundgesetzes? Das wäre klarer und gleichzeitig respektvoller gegenüber dem Kreuz, das seine religiös bekennende Kraft bewahren könnte statt zur Neutralität herabgeredet zu werden.

Die Trennung von Kirche und Staat gehört zu den Errungenschaften westlicher Zivilisation wie zur Bibel: Dass man dem Kaiser gibt, was des Kaisers ist, vertreten heute selbst die Kirchen; kein Staat kann neutral und christlich zugleich sein. Das europäische Erbe wird da verraten, wo wir diese Gewaltenteilung nicht mehr verteidigen und unsere Gerichte sinnlos beschädigen. Nicht nur, weil das Grundlagen der Demokratie infrage stellt. An Berliner Schulen sind Christen heute schon in der Minderheit. Wer jetzt auf Kreuzen im Klassenzimmer besteht, darf sich nicht wundern, wenn spätere Generationen unter Symbolen unterrichtet werden, die ihm weit fremder sind als eine weiße Wand. Irgendeine Mehrheit, um Stoiber geradezurücken, pocht nämlich immer auf den Wunsch nach staatlich aktiver Religionsausübung.

Autor: Jens Schmitz