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09. Februar 2010 10:10 Uhr
Kommentar
Der Fall Hegemann: War Plagiat gestern?
Das Wunderkind hat abgeschrieben. Bettina Schulte wundert sich, dass das Junggenie Helene Hegemann kein Problem damit hat, Textpassagen aus dem Internet zu kopieren. Ein Generationskonflikt?
Das Wunderkind hat abgeschrieben. Muss man den Plagiatsvorwurf gegen den "Coming-of-Age"-Roman "Axolotl Roadkill" der in Freiburg geborenen 17-jährigen Jungautorin Helene Hegemann ernst nehmen? So begeistert, wie sich die Feuilletons und Reportage-Redaktionen in den vergangenen Wochen auf den Shootingstar 2010 des Literaturbetriebs gestürzt haben, so ernüchtert registriert man jetzt, dass der Szene-Roman "Strobo – Technoprosa aus dem Berghain" eines 1981 geborenen Berliner Autors mit dem Pseudonym Airen für Helene Hegemann mehr gewesen ist als eine Inspirationsquelle. Sie hat selbst freimütig zugegeben, mindestens eine Seite aus dem Blog des Autors übernommen zu haben. Das Buch allerdings kenne sie nicht. Doch in Zeiten des Internets bleiben auch Bestellungen bei Amazon nicht verborgen. Danach hat Vater Carl Hegemann im August 2009 dort für die Tochter den im Verlag SuKuLTur erschienenen Roman bestellt, der unter anderem das drogenbasierte Treiben im berühmten Berliner Technoclub Berghain schildert, zu dem Minderjährige wie Hegemann keinen Zutritt haben.
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Nun ist viel von der Intertextualität der web-2.0-Generation die Rede. Wer aus der großen Netzgemeinschaft sich bei anderen bedient, spricht von Remix oder "Copy-Paste". Plagiat war gestern. Wo Texte so leicht verfügbar sind, fällt der Respekt vor dem geistigen Eigentum. Der Autor ist tot: Das haben vor 40 Jahren schon die Propheten der Postmoderne Roland Barthes und Michel Foucault verkündet. Bei Helene Hegemann klingt das jetzt so: "Ich habe mich überall bedient, wo ich dachte, das entspricht jetzt der Lebensweise, über die ich schreiben will." An die Stelle der überkommenen Originalität von Autorschaft will sie die "Echtheit" eines kollektiv gültigen Gefühls setzen: Wenn sie einen Stellvertreterroman der sogenannten Nuller-Generation geschrieben habe, sei der schonungslose Raub an Freunden, Filmemachern, anderen Autoren etc. nur konsequent. Das Eigene und das Fremde. Im Netzwerken mögen sie unterschiedslos zusammenfließen. Der Ullstein Verlag allerdings beharrt auf der Differenz – und muss es auch, solange er das Copyright von Autoren rechtswirksam vertreten will.
Immerhin sieht sich Helene Hegemann jetzt veranlasst, ihrem Inspirator Airen bei der zweiten Auflage namentlich zu danken. Über die Härte der Drogenpassagen in "Axolotl Raodkill" hatte man sich ja schon gewundert; dass sie nicht auf eigener Wahrnehmung fußen konnten, durfte jedem kritischen Leser klar sein. Ist das Junggenie Helene Hegemann jetzt entzaubert? Irgendwie schon – aller Verzauberung durch die Sharing-Kultur des Internets zum Trotz.
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Autor: Bettina Schulte
