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28. Juli 2012

Deutsches Fleisch für die Welt

BZ-GASTBEITRAG: Wolfgang Kessler beklagt, dass Deutschland mehr Fleisch denn je produziert – auf Kosten der Umwelt.

Grillen zählt zu den liebsten Hobbys der Deutschen. Dennoch essen sie weniger Fleisch als noch vor einigen Jahren. Die Mitgliederzahl des Vegetarierbundes hat sich seit 2009 vervierfacht. Nach Umfragen verzichten auch Nicht-Vegetarier häufiger auf Fleisch. Die vielen Tierseuchen und die Debatte um den Tierschutz haben die Verbraucher beeindruckt.

Wenig beeindruckt zeigen sich dagegen die Landwirtschaft und die Politik. In deutschen Ställen und Schlachthöfen wird Jahr für Jahr mehr Fleisch produziert. Laut Statischem Bundesamt waren es 2011 rund 8,2 Millionen Tonnen. Das ist Nachkriegsrekord. Da bei weitem nicht so viel konsumiert wird, ist die Ausfuhr von Fleisch und Wurst seit 2005 um 60 Prozent gestiegen. Beliebt ist das Fleisch aus deutschen Landen bei den neuen Mittelschichten in Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien.

In Deutschland werden 114 Millionen Hühner, 11,5 Millionen Schweine und 12,5 Millionen Rinder gehalten – und dies größtenteils unter Bedingungen, die dem Staatsziel des Tierschutzes im Grundgesetz widersprechen. Sieht man von den ein bis fünf Prozent der Tiere in Biohaltung ab, folgt die Fleischproduktion einer klaren Logik: immer mehr und immer billigeres Fleisch. Diese Logik hat Folgen. In der Geflügelmast sind riesige Ställe mit bis zu 40 000 Tieren keine Seltenheit. Oft genug stutzen die Halter ihre Tiere für die Haltungssysteme zurecht: Es werden Schnäbel amputiert, Flügel gestutzt, Schwänze gekürzt, viele Tiere leben auf Betonspaltböden. 25 Millionen Enten werden in Mastbetrieben gestopft – und fallen oft tot um, weil sie sich nicht auf den Beinen halten können.

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Da unter diesen Bedingungen Krankheiten nicht ausbleiben, kommen in der Massentierhaltung jährlich 780 Tonnen Antibiotika zum Einsatz, sagt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Aber Ministerin Ilse Aigner fügt hinzu: Die Dunkelziffer ist wohl höher. Sie weiß, dass viele Antibiotika bei Mensch und Tier aufgrund der Dauergabe wirkungslos sind.

Da die Massentierhaltung in erster Linie in Ställen stattfindet, müssen mehr Futtermittel zugekauft werden. Inzwischen werden 60 Prozent des Getreides und 70 Prozent aller Ölsaaten in Deutschland an Tiere verfüttert. Ein wachsender Teil der Futtermittel, vor allem Mais und Soja, kommen aus dem Ausland. Weltweit dient ein gutes Drittel der Getreideernte als Nahrung für Nutztiere. Bedenkt man, dass sechs, sieben oder mehr Kalorien Getreide benötigt werden, um eine Kalorie Fleisch zu erzeugen, dann trägt der zunehmende Fleischkonsum seinen Teil zur Verknappung der Nahrungsmittel bei. Und nicht nur dies: In Ländern wie Brasilien wird Regenwald gerodet, damit Soja für die Fleischproduktion angebaut werden kann.

Trotzdem wird diese Entwicklung durch die EU gefördert. Zwar gab es Agrarreformen, die Subventionen nicht mehr nur an die Produktionsmenge binden. Gleichzeitig wies der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) nach, dass der Bau großer Mastanlagen seit 2008 jährlich mit zweistelligen Millionenbeträgen unterstützt wird: in Sachsen, in Brandenburg ebenso wie in Bayern. Und noch immer ist es den Kritikern der Exportsubventionen in der EU nicht gelungen, diese abzuschaffen. Zwar fließen nicht mehr Milliardenbeträge pro Jahr in die verbilligte Lieferung von Fleisch- oder Milchprodukten in den Süden der Welt. Aber auch Millionen reichen, um in den Supermärkten Schwarzafrikas gefrorenes Billigfleisch aus den Beständen der EU so billig anzubieten, dass einheimische Farmer nicht mehr konkurrenzfähig sind.

So verdichtet sich ein Trend, den man eigentlich gebrochen glaubte: Mehr Fleisch denn je stammt in Deutschland und weltweit aus intensiver Tierhaltung und braucht Futtermittel, die der Welt als Nahrung für die wachsende Menschheit fehlen. Dabei waren die Chancen für eine Agrarwende in Deutschland selten besser. Trotz der beliebten Grillpartys ist eine wachsende Minderheit von Verbrauchern offenbar bereit, kein Fleisch, weniger Fleisch oder teures Biofleisch zu essen.

Der Politik eröffnet diese Sensibilität eines Teils der Verbraucher die Chance, in Brüssel auf eine Agrarreform zu dringen, die alle Subventionen an eine artgerechte Tierhaltung bindet und Exportsubventionen endgültig streicht. Die Bundesregierung käme damit dem Tierschutz näher, zu dem sie das Grundgesetz verpflichtet. Zudem wäre der Zeitpunkt günstig. Denn 2013 steht in der Europäischen Union die große Agrarreform an.

– Wolfgang Kessler ist Wirtschaftspublizist und Chefredakteur der christlichen Zeitschrift Publik-Forum.

Autor: bz


6 Kommentare

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Bianca Witt  

Bianca Witt

Registriert seit: 23.07.2011

Kommentare: 36

28. Juli 2012 - 11:00 Uhr

Fleisch ist ein Tierqualprodukt, das nachweislich Krankheiten, wie Herz-Kreislaufstörungen, Krebs, Diabetes und Fettleibigkeit auslöst. Wem schmeckt es denn noch, nachdem er diesen Artikel gelesen hat?
http://www.bfr.bund.de/de/presseinformation/2012/19/sicheres_fleisch_durch_chemische_behandlung_und_bestrahlung_-130552.html
Wem schmeckt denn noch ein toter misshandelter Körper, nachdem er diesen Film gesehen hat? http://www.youtube.com/watch?v=HU6_bRsl2ds
Fleisch ist nicht notwendig für eine gesunde Ernährung! Es gibt mittlerweile in jedem Supermarkt Ersatzprodukte, die geschmacklich an nichts fehlen lassen. zB http://www.veggielife.de/schnell_und_koestlich/veggie_cevapcici.html die kann man auch wunderbar grillen. Für alle Menschen, die mal in die Veg-Küche reinschnuppern wollen empfehle ich das neue Kochbuch von Attila Hildmann: Vegan for Fun - super leckere Rezepte, kinderleicht nachzukochen! Nudelgerichte, Pizza, Fastfood, Deftiges, Süsses....... http://www.vegan-for-fun.de/

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Gelöschter Nutzer #804452

Registriert seit: 14.03.2011

Kommentare: 866

28. Juli 2012 - 17:04 Uhr

ein weiteres Negativbeispiel der "Geiz-ist-geil-Mentalität Deuschland

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Martin Burster

Registriert seit: 31.01.2010

Kommentare: 1354

28. Juli 2012 - 17:56 Uhr

Der eigentliche Skandal ist, dass die industrielle Massentierhaltung noch von der schwarz-gelben Regierung mit Milliarden-Beträgen und Lockerungen bei den Umweltschutzbestimmungen gefördert wird. Aber für die Mehrheit der Deutschen zählt eben wieviel Geld sie in ihrer Tasche hat - und Angie bleibt weiterhin beliebteste Politikerin Deutschlands.

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Antonietta Tumminello  

Antonietta Tumminello

Registriert seit: 02.11.2009

Kommentare: 77

29. Juli 2012 - 22:15 Uhr

Ein Deutscher isst ungefähr 200 Gramm Fleisch pro Tag. Macht jährlich etwa 80 Kilo Fleisch pro Kopf und rund 6,5 Milliarden Kilo Fleisch für das ganze Land. Eine solche Masse an Fleisch kann man aber nur bereit stellen, wenn man die Tiere in Massen züchtet und im Akkord tötet. Diese Massentierhaltung ist nicht nur furchtbar für die Tiere, sie ist auch schlimm für unsere Umwelt, für das Klima und für die Gerechtigkeit auf der Welt. Es gibt viele gute Gründe, nie mehr Fleisch zu essen. Aber eigentlich reicht schon einer...!

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Kerstin Graw

Registriert seit: 02.08.2012

Kommentare: 1

02. August 2012 - 13:40 Uhr

Fleisch war in früheren Zeiten ein Luxusgut, das maximal zwei Mal die Woche auf den Tisch kam.
Leider ist diese Wertschätzung tierischer Nahrungsmittel in der heutigen Zeit, spätestens aber seit dem Feldzug der Fast-Food-Ketten mit Ein-Euro-Billigburger abhanden gekommen. Nahrungsmittel, insbesondere Fleisch muss heutzutage vor allem eines sein: billig. So denken leider immer noch viele Verbraucher.

Dieses Dauer-Überangebot an Billigfleisch wird jedoch für die Gesellschaft teuer erkauft.

Überfüllt Mastbetriebe, in denen die Nutztiere unter unvorstellbaren Bedingungen dahin vegetieren. Und dies trotz eines im Grundgesetz verankerten Paragraphen zum Tierschutz.
Längst hat die Massentierhaltung die Industrie beim Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase überholt. Dennoch spricht hier niemand von einer Reglementierung. Während der Emissionrechtehandel bei der Industrie zumindest ein Begriff ist, wird der größte Produzent von CO2, Methan und Lachgas, die Fleischproduktion, geschont und sogar noch subventioniert.
Warum diskutiert man hier nicht einen CO-2-Zertifikatehandel bei Großküchen? Dies würde dazu beitragen, Großküchen zu mehr vegetarischen Alternativen zu veranlassen, um somit die Umweltbilanz zu verbessern.

Tiere und Umwelt sind aber nur eine Seite der Medaille. Viel schlimmer sind doch die Auswirkungen auf die Welternährung. Schon jetzt wird 90% der weltweiten Sojaernte an Nutztiere in den Industrienationen verfüttert. Dieses Getreide fehlt zur Ernährung der Menschen der Dritten Welt!
Nutztiere der Ersten Welt als Nahrungskonkurrenten zu Menschen der Dritten Welt! Eine traurige Tatsache! Wo bleibt aber der Aufschrei der Bevölkerung? Ist diese Praxis nicht genauso verwerflich wie die Verbrennung von Getreide für Bio-Treibstoffe?

Problematisch ist der hohe Fleischkonsum jedoch nicht nur für die Dritte Welt. Auch in Deutschland kämpft man schon gegen zu hohe Nitratwerte im Grundwasser, verursacht durch die Intensivtierhaltung (z.B. in Niedersachsen). Oder auch gegen den extremen Antibiotikaeinsatz bei der Intensivtierhaltung, der zu einem stark ansteigenden Vorkommen von MRE (mulitresistenten Erreger) führt. Von 50.000 Todesfällen in der gesamten EU, verursacht durch MRE-Keime, spricht man derzeit. Die WHO listet Infektionen, auch in der Ersten Welt, wieder als eine der größten Gesundheitsgefahren der Zukunft.

Im Licht dieser unschönen Tatsachen, sollte es doch auch im Interesse unserer Politik liegen, die industriellen Agrarbetriebe wieder zurückzudrängen, zu Gunsten kleinerer Betriebe, die tier- und umweltgerecht produzieren. Die langfristige Sicherung eines hohen Gesundheitszustands der Bevölkerung und der natürlichen Ressourcen sollten Priorität haben vor dem kurzfristigen Gewinnstreben durch den Export von Billigfleisch.

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Gelöschter Nutzer #804452

Registriert seit: 14.03.2011

Kommentare: 866

02. August 2012 - 15:37 Uhr

@ Frau Graw
>>"Im Licht dieser unschönen Tatsachen, sollte es doch auch im Interesse unserer Politik liegen, ...."
Sollte, unseren Politikern stehen aber die Gewinne der Industriebetriebe und Großkonzerne näher als alle anderen Interessen.
Also weshalb sollten sie.

>>"Nahrungsmittel, insbesondere Fleisch muss heutzutage vor allem eines sein: billig. So denken leider immer noch viele Verbraucher....."

ja "Geiz ist geil", alles Andere zählt nicht.
Wenn man dann noch bedenkt, dass ca. 50 % der billigen Lebensmittel im Müll landen....

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