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09. März 2010
Die Frau, die harte Kerle strapaziert
IM PROFIL: Kathryn Bigelow, die erste Gewinnerin eines Regie-Oscars überhaupt, dreht Action-Filme wie ein Mann.
Wer mag, kann es als Beitrag zum gestrigen Weltfrauentag lesen: Zum ersten Mal in der Geschichte der Academy Awards ging der wichtigste Oscar, der für die beste Regie, an eine Frau. Die Kalifornierin Kathryn Bigelow (58) ist mit ihrem Irakkriegs-Film "The Hurt Locker – Tödliches Kommando" die große Gewinnerin der 82. Oscar-Nacht: Sechs Auszeichnungen bei neun Nominierungen – bester Film, beste Regie, bestes Originaldrehbuch, bester Ton, Schnitt sowie Tonschnitt.
Ihr früherer Ehemann James Cameron, dessen "Avatar" ebenfalls neunmal nominiert war, hatte das Nachsehen. Das Kriegsdrama setzt sich gegen das Fantasy- Spektakel durch, zwölf gegen 500 Millionen Produktionskosten, der Kassenflop gegen den erfolgreichsten Film aller Zeiten: Da hat die Oscar-Jury ein deutliches Zeichen gesetzt. Aber sie hat dabei keinen "weiblichen" Film ausgezeichnet.
"The Hurt Locker – Tödliches Kommando", der in Deutschland 2009 ein paar Sommerwochen lang lief und von nicht einmal 60 000 Zuschauern gesehen wurde, zeigt den Irakkrieg aus der Perspektive dreier amerikanischer Elitesoldaten eines Bombenräumkommandos. Die Kamera kriecht förmlich hinein in das staubige Geröll, in dem jeden Augenblick ein Sprengsatz hochgehen kann. Bigelow verzichtet auf jeden wertenden Überbau oder eine psychologische Entwicklung – sie zeigt nicht einmal eine Kommandozentrale, deren Entscheidungen der Zuschauer einordnen könnte. Und Frauen spielen sowieso keine Rolle. Es gibt nur die Männer und ihre Arbeit, den Dreck, den Schweiß, die Angst, den Adrenalinausstoß. Den ungeheuer brutalen Alltag des Kriegs, dem die drei Soldaten auf unterschiedliche Weise begegnen: draufgängerisch, diszipliniert, entsetzt.
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Kathryn Bigelow zeigt den Krieg aus einer Nähe, die keine Distanzierung erlaubt – und er zeigt sie im Gewand eines Actionfilms. Der weibliche Blick auf den durchtrainierten Männerkörper, der sich physischer Gewalt stellen muss und will: Das macht, in aller Ambivalenz, das Kino dieser Regisseurin aus. Ein Blick, der martialische Posen in ihrer Erotik und Kläglichkeit zugleich sehen kann. Der aber auch selbst sehr männlich ist in der Wahl seiner Themen und Sujets, in der Art, wie er Körperlichkeit feiert und die Lust an der Gefahr. Oder eine Waffe – wie jenen Colt in "Blue Steel" (1990) mit Jamie Lee Curtis als toughem weiblichem Cop.
Auch eine weibliche Doppelmörderin hat sie im Angebot, aber eigentlich sind es Männer, die die Bigelow inszeniert: Willem Dafoe im Bikerdrama "The Loveless" (1982), Patrick Swayze und Keanu Reeves im Surferkrimi "Point Break – Gefährliche Brandung" (1991), Ralph Fiennes im Science-Ficton-Film "Strange Days" (1995), Sean Penn im Thriller "Das Gewicht des Wassers" (2000), Harrison Ford und Liam Neeson im U-Boot-Reißer "K-19 – Showdown in der Tiefe". Selbst B-Horror drehte die Bigelow, zwischendurch immer wieder mal fürs Fernsehen – die Frau für Action, Gewalt und harte Kerle.
Das ist sie auch in "The Hurt Locker". Aber es ist weniger die physische Wucht, was in diesem (diesmal nicht starbesetzten!) Film so an den Nerven zerrt. Er ergreift keine Partei, er ermöglicht keine Identifikation, er führt nur gnadenlos vor, was er im Eröffnungszitat sagt: "Krieg ist eine Droge." Der Rausch des Kämpfens als dröhnender Motor, der betäubt, übertönt, süchtig macht und weitermachen lässt. Dafür hält nun die erste Frau in 82 Jahren einen Regie-Oscar in Händen, reckt ihn in die Höhe und strahlt: "Ich hoffe, ich bin die Erste von vielen!"
Nur drei Frauen waren vor Bigelow für die Regie nominiert: Sofia Coppola mit "Lost in Translation" (2003), Jane Campion mit "Das Piano" (1993), Lina Wertmüller mit "Sieben Schönheiten" (1975). Diese drei hätte man noch für ein "weibliches" Filmemachen vereinnahmen können, hätten sie den Oscar bekommen, hier geht das nicht. Kathryn Bigelow, die übrigens zuerst Kunst studierte und Mitglied der Avantgarde-Künstlergruppe "Art and Language" war, will sowieso nicht im Geschlechterkategorien wahrgenommen werden: "Ich sehe mich als jemanden, der Filme macht, und freue mich auf den Tag, an dem Frau oder Mann keine Rolle mehr spielt". Vielleicht ist das ihr Beitrag zum Weltfrauentag.
Autor: Gabriele Schoder
