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28. Januar 2015

Unterm Strich

Die Kunst des Liebens – oder nicht

Ein Gericht entschied, dass eine Prostituierte keine Künstlerin ist / Von Michael Saurer.

"Echte Kunst ist eigensinnig", sagte Ludwig van Beethoven einmal und machte damit ein großes Fass auf. Denn was ist denn echte Kunst? Der röhrende Hirsch in Öl etwa. Kunst oder Kitsch? Und was ist mit dem Dschungelcamp? Ist das wirklich so verachtenswert, wie man gemeinhin denkt, oder gibt es dort – irgendwo zwischen Känguruhoden und Alligatorkuscheln – nicht doch eine Metaebene, die einen tiefen Einblick in das Wesen des Menschen ermöglicht und somit – mit ganz viel Wohlwollen – als mediales Kunstwerk betrachtet werden kann? Das abendliche Schauen eines Kakerlakenbads als sublimierte Verarbeitung des Alltags, vielleicht sogar mit kathartischer Wirkung? Wie auch immer man das sehen mag – was nun genau Kunst ist und was nicht, ist schwer zu sagen. Man denke nur an Joseph Beuys’ "Fettecke", die vom Hausmeister beherzt weggewischt wurde. Auch im Freiburger Faulerbad gab es einen Vorfall, als dort ein Frotteetuch verschwunden ist, das als Kunstobjekt über eine Holzbank drapiert war. Da hat wohl ein Schwimmbadbesucher beherzt zugegriffen und sich trockengerubbelt.

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Aber wenigstens auf die deutschen Gerichte ist Verlass. Geschmack spielt dort keine Rolle. Ein Gericht sagt, so ist es oder so ist es nicht. Selbst wenn es darum geht, die Grenzen der Kunst auszuloten. So geschehen am Montag. Dort musste das Verwaltungsgericht Berlin darüber urteilen, ob eine Prostituierte eine Künstlerin ist. Die Klägerin, die einen Escort-Service betrieb, bestand darauf, ihr Pseudonym, unter dem sie mit den Freiern zugange ist, als Künstlernamen in den Ausweis eintragen zu lassen. Sie müsse ja wie eine Tänzerin und Schauspielerin mit ihrem Körper arbeiten und in verschiedene Rollen schlüpfen. Die Richter widersprachen. Prostitution sei keine Kunst, sondern eine Dienstleistung. Picasso hätte da wohl Einspruch eingelegt. Als er einmal gefragt wurde, was der Unterschied zwischen Kunst und Sexualität sei, antwortete er: "Es handelt sich um ein und dasselbe, denn Kunst ist immer erotisch."

Autor: msr