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07. August 2010

Die Wirtschaft brummt, aber bald fehlen Arbeitskräfte

BZ-GASTBEITRAG: Eicke R. Weber plädiert für eine bessere Schulbildung und einfachere Einbürgerungsregeln.

Unsere Wirtschaft springt rascher als erwartet wieder an, eine sehr erfreuliche Entwicklung, die wesentlich durch den Export getragen wird. Die sehr maßvollen Lohnabschlüsse der letzten Dekaden lassen die heimische Kaufkraft im internationalen Vergleich nachhinken. Ein mit Augenmaß gewählter, verbindlicher Mindestlohn könnte gerade die unteren Gehaltskategorien stützen.

Wirtschaftsminister Brüderle hat ein weiteres, für ein nachhaltiges Wachstum sehr wichtiges Thema aufgegriffen, leider ohne eine überzeugende Lösung vorzustellen: Deutschland wird zunehmend Probleme haben, genug qualifizierte Arbeitnehmer zu finden. Unsere Bevölkerungszahl nimmt ab, wir bilden unsere Kinder unzureichend aus und sperren uns gegen Einwanderung qualifizierter Arbeitskräfte.

Wie die Pisa-Studien immer wieder zeigen, ist unser dreigliedriges Schulsystem dysfunktional. Wir sortieren Kinder von zehn Jahren in drei Kategorien, die für Ihre Zukunft bestimmend sind. Alle Kinder zwei Jahre länger in der Gemeinschaftsschule mit dem geringsten Niveau zu halten, ist keine Lösung, und es kann nicht verwundern, dass Eltern in Hamburg dagegen gestimmt haben.

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Mein Vorschlag wäre, alle Kinder nach der vierten Klasse in eine Eingangsstufe des Gymnasiums oder einer Gesamtschule zuzulassen. Dort sollte ihnen erklärt werden, dass es nun einen Neuanfang gibt, die Leistungen der folgenden zwei Jahren werden darüber entscheiden, ob sie auf dem Gymnasium bleiben können oder an einen ihren Leistungen und Fähigkeiten angemesseneren Zweig derselben Schule (Gesamtschule) oder eine anderen Schule (heutige Realschule) wechseln müssen. So würde sicher der Prozentsatz der Kinder reduziert, die eine unter ihren Fähigkeiten liegende Ausbildung erhalten.

Eine zweite Baustelle ist unsere mangelnde Attraktivität für gut qualifizierte ausländische Arbeitskräfte. Hier hilft die von Brüderle vorgeschlagene Prämie für anzuwerbende Arbeitskräfte kaum. Ein wichtiger Schritt war bereits in einem Gesetzentwurf der rot-grünen Koalition vorgeschlagen worden, der leider durch die verantwortungslose Unterschriftenaktion eines Ministerpräsidenten-Kandidaten gestoppt wurde. Wir müssen allen qualifizierten Ausländern eine klare Perspektive auf dauernden Aufenthalt anbieten, bis hin zur Einbürgerung nach einfachen Regeln. Hier haben die USA ein sehr erfolgreiches Modell, das aus drei Stufen besteht. Die Erteilung einer ersten, befristeten Arbeitserlaubnis wird von der Qualifikation der/des Kandidaten/in und dem Nachweis einer Arbeitsstelle abhängig gemacht, für die keine geeignete heimische Kraft gefunden werden konnte. Im zweiten Schritt wird nach fünf Jahren die begrenzte Arbeitserlaubnis bei weiter bestehendem Arbeitsverhältnis in eine permanente Arbeitserlaubnis umgewandelt. Nach weiteren fünf Jahren hat man Anrecht auf Einbürgerung, das nur bei Vorliegen konkreter Hinderungstatbestände verweigert wird. In diesem Verfahren wird nicht gefragt, ob man seine alte Staatsangehörigkeit behalten möchte; dies bleibt eine ganz persönliche Entscheidung.

Die USA waren mit diesem Verfahren in den vergangenen zwei Jahrhunderten äußerst erfolgreich. Was hindert uns eigentlich, dieses Modell auf unsere Verhältnisse anzupassen? Es eröffnete die Möglichkeit, Mitmenschen aus der rasch wachsenden Menge gut ausgebildeter Ausländer eine echte Lebensperspektive in Deutschland anzubieten.

Das dritte, oft übersehene Hindernis zum Erhalt von qualifizierten Arbeitskräften ist die Sprache. Der Großraum der Europäischen Union kann die Wirtschaftskraft nicht entsprechend seinen Möglichkeiten entfalten, wenn wir uns nicht auf eine Sprache als lingua franca einigen. Dies kann nur Englisch sein, die Sprache, die von gut qualifizierten Arbeitskräften auf der ganzen Welt verstanden wird. Alle Kinder in der EU sollten neben ihrer Muttersprache vom Kindergarten auf in Englisch ausgebildet werden, alle amtlichen und wichtigen firmeninternen Dokumente auch in Englisch veröffentlicht werden. Dies erlaubte eine echte Mobilität von Arbeitskräften innerhalb Europas, wie auch eine leichtere Integration von Ausländern, für die nur ausreichende Englischkenntnisse erforderlich wären.

Alle drei Vorschläge erscheinen heute nahezu undurchführbar. Steigendes Problembewusstsein sowie vielfältige Diskussionen bereiten vielleicht den Boden, wenigstens einige dieser Ansätze ernsthaft in Betracht zu ziehen, um unseren Wohlstand auch in 50 Jahren noch zu sichern.

– Der Autor ist Direktor des Fraunhofer Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg.

Autor: eiw