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21. März 2017

Fast am eigenen Erfolg erstickt

Früher hat die Cebit in Hannover für Besucherrekorde gesorgt, jetzt konzentriert sich die Messe der Digitalwirtschaft aufs Fachpublikum.

Natürlich kommt die Kanzlerin. Der Rundgang von Angela Merkel am ersten Messetag gehört inzwischen fest zur Cebit in Hannover, genau wie das etwas verkopfte Motto und die breite Themenpalette. Die diesjährige Cebit hat am gestrigen Montag begonnen, gezeigt werden Drohnen, Roboter und autonome Fahrzeuge, dazu Neuheiten aus der Welt von Cloud Computing, Künstlicher Intelligenz und IT-Sicherheit.

Den Titel der größten Computermesse der Welt hat die Cebit noch immer, auch wenn die Besucherzahlen in den vergangenen Jahren gesunken sind: Ende der 90er Jahre kamen regelmäßig um die 700 000 Besucher nach Hannover, 2001 waren es sogar 830 000. Doch dann ging es bergab, 2013 kamen nur noch 285 000 Gäste. Der vielleicht wichtigste Grund dafür ist die IT-Branche selbst, die sich seit den großen Zeiten der Cebit massiv verändert hat."Die digitale Wirtschaft hat extrem kurze Innovationszyklen", sagt Messesprecher Hartwig von Saß. "Deshalb muss sich die Cebit auch schneller ändern als andere Messen."

Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass Hardware allein nicht mehr die gleiche Rolle spielt wie in den 80er und 90er Jahren, als es in Hannover den populären Heimcomputer Amiga oder erste MP3-Player zu bestaunen gab. Gefragt sind in der Digitalwirtschaft heute eher Plattformlösungen, die Hard- und Software sinnvoll verbinden, sich auf einer Messe aber nicht so einfach ausstellen lassen wie ein Smartphone oder andere Gadgets.

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In der Unterhaltungselektronik oder im Mobilfunk ist das anders. Doch dort haben andere Messen der Cebit längst den Rang abgelaufen: Neue Fernseher und Fitnessarmbänder gibt es auf der Berliner IFA oder auf der CES in Las Vegas zu sehen, die Mobilfunkbranche trifft sich auf dem Mobile World Congress in Barcelona.

Das ist nicht zwingend ein Nachteil. Denn die Besucherrekorde um die Jahrtausendwende sorgten zwar für schöne Schlagzeilen. Nachhaltig war der Ansturm aber nicht, sagt Hartwig von Saß. "Große Aussteller hatten zwar sehr stark besuchte Stände, doch das Fachgespräch zur Geschäftsanbahnung kam zu kurz." Stattdessen waren die Stände überlaufen von privater Laufkundschaft auf der Suche nach Kugelschreibern und anderen Werbegeschenken – in der Branche gerne als "Beutelratten" beschimpft. Hinzu kam, dass mehr als 800 000 Besucher und entsprechend viele Aussteller für Hannover kaum zu bewältigen waren. "Es war brechend voll, selbst in den Straßen konnte man sich kaum fortbewegen", erinnert sich Jürgen Kugli, stellvertretender Chefredakteur der Fachzeitschrift c’t. Die "Messe-Muttis" aus dieser Zeit sind längst Teil der Cebit-Folklore geworden – Privatpersonen, die ihre Gästezimmer an Messebesucher vermieteten.

Software lässt sich nicht

so einfach ausstellen

Die Reaktion auf wachsende Messekonkurrenz, unzufriedene Aussteller und Platznot war der Strategiewechsel: Seit 2014 konzentriert sich die Cebit auf Fachbesucher. Die Eintrittspreise haben die Veranstalter deutlich auf aktuell 56 bis 61 Euro für ein Tagesticket erhöht, den Samstag als Hauptanziehungspunkt für die Laufkundschaft gestrichen. Stattdessen beginnt die Messe schon am Montag. Und das begleitende Kongressprogramm wurde ausgebaut, mit prominenten Rednern aus Politik und Wirtschaft. Dieses Jahr spricht unter anderem Whistleblower Edward Snowden per Videokonferenz. Der Strategiewechsel scheint erfolgreich: Die Besucherzahl hat sich in den vergangenen drei Jahren auf niedrigem Niveau stabilisiert, von Verbänden und Ausstellern gibt es wieder mehr lobende Worte über die Cebit zu hören. Die Geschäfte laufen. Ihren Status als Schaufenster für die gesamte IT-Welt mit allen Facetten hat die Messe aber etwas verloren. Ich bezweifle, dass es langfristig klug war, das aufzugeben", sagt Kugli. "Jetzt gerade geht das Konzept auf, aber die Frage ist, ob das auch langfristig so ist."

Scheitert die neue Strategie, muss das nicht gleich das Ende der Cebit bedeuten. Möglich ist zum Beispiel, dass sie wieder Teil der Ende April stattfindenden Industrieschau Hannover Messe wird, aus der sie 1986 einst ausgekoppelt wurde. "Ich kann mir schon vorstellen, dass die Cebit in Zukunft nur noch Konferenz ist und der ganze Messeteil dann auf der Hannover Messe stattfindet", sagt Jürgen Kugli. Denn viele Themen der beiden Messen ähneln sich, auch viele Aussteller haben auf beiden Veranstaltungen einen Stand.

Für Messesprecher von Saß ist das kein Problem: "Beim Portfolio und den Ausstellern gab es zwischen Cebit und Hannover Messe schon immer Überschneidungen", sagt er. "Es gibt aber weiter eine klare Unterscheidung. Grob kann man sagen, dass die Hannover Messe alles behandelt, was in der Fabrikhalle passiert – das Drumherum ist dann eher Sache der Cebit."

Autor: Tobias Hanraths