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15. Juni 2012

Für Elinor Ostrom begann Klimaschutz zuhause

NACHRUF: Die Ökonomie-Nobelpreisträgerin ist im Alter von 78 Jahren gestorben / Sie sah Freiburg als Vorbild.

  1. Elinor Ostrom Foto: DAPD

Elinor Ostrom wäre gerne noch einmal nach Freiburg gekommen. Die Einladungen für ihren Vortrag Ende November vergangenen Jahres waren schon gedruckt, da erfuhren die Veranstalter, Freiburg Wirtschaft und Touristik und das Walter Eucken Institut, dass die Ökonomie-Nobelpreisträgerin schwer erkrankt ist. Diese Woche erlag sie im Alter von 78 Jahren ihrem Krebsleiden.

Ostrom wurde 1933 in Los Angeles geboren. 1965 wurde sie in Politikwissenschaften an der University of California promoviert und wechselte danach zur Indiana University in Bloomington. Dort lehrte und forschte sie auch nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreis bis vor einigen Monaten unermüdlich.

Ihr Vortrag im alten Kaufhaus hätte den Titel gehabt: "Ein polyzentrischer Ansatz zur Reaktion auf den Klimawandel". Damit ist gemeint, was Ostrom nach ihrem letzten Besuch in Freiburg äußerte: "Wir müssen uns von der Idee verabschieden, dass es nur eine Lösung auf globaler Ebene für die Klimaprobleme gibt. Die Stadt Freiburg ist mit ihren Ansätzen ein gutes Beispiel dafür, was das heißt. Ich verbringe oft Zeit in Deutschland – und einiges von dem, was ich da sehe, beeindruckt mich."

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Elinor Ostrom beeindruckte auch diejenigen, die das Glück hatten, sie persönlich zu treffen – wie etwa Doktoranden aus aller Welt und verschiedenster Disziplinen, die mit ihr vor einigen Jahren in Freiburg über Methoden der Sozialwissenschaften und Probleme der Umweltökonomik diskutierten. Die große alte Dame wollte von den jungen Doktoranden in Freiburg nicht etwa mit Professor Ostrom angesprochen werden, sondern einfach nur mit "Lin". Ihre akademische Leidenschaft und Neugier beeindruckten ebenso wie ihre persönliche Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit.

Umso größer war die Freude ihrer vielen Freunde in aller Welt, als "Lin" 2009 als erste Frau mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet wurde. Hiermit wurde eine Politikwissenschaftlerin geehrt, die sich keiner Sozialwissenschaft oder Ideologie zuordnen ließ. Sie bewegte sich souverän zwischen den Disziplinen und verweigerte sich einem blinden Glauben sowohl an die Politik als auch an den Markt, die schon alles richten werden. Die besten und nachhaltigsten Problemlösungen fand sie auf lokaler Ebene, wo die Betroffenen, etwa Fischer oder Almbauern, Umweltprobleme wie Überfischung oder Überweidung durch eigene gemeinsame Vereinbarungen lösten.

Mehr noch als Freiburg wurde der Ort Alanya an der türkischen Riviera durch Elinor Ostrom berühmt. Dort jagten die Fischer einst gleichzeitig den großen Schwärmen hinterher und dezimierten sie dadurch übermäßig. Als es ihnen bewusst wurde, lösten sie das Problem mit einer Regel, auf die sich alle einigen konnten: Sie teilten die Fanggründe so auf, dass für jeden Fischer ein Gebiet definiert ist, in dem er allein fischen darf. Diese Fanggründe werden zunächst per Los zugeteilt; danach wechseln sie täglich im Rotationsverfahren. So wird das Überfischen vermieden, alle kommen zum Zug, niemand wird benachteiligt – und all das ohne politischen Eingriff oder staatliche Kontrolle.

Auf große Klimagipfel, wie die nächste Woche beginnende Rio20+-Konferenz würde Elinor Ostrom nicht die ganze Hoffnung setzen. Auch Klimaschutz beginnt zuhause; man kann nicht auf globale Politikversprechen warten, mahnte sie. Der Europäische Emissionshandel sei ein gutes Beispiel für regionale Politiken, die sich, bei Erfolg auch andere Regionen der Welt aneignen können. Aber es geht auch noch kleiner: effizientere Kochherde in Afrika etwa oder eben gut ausgebaute Fahrradwege in Freiburg.

Dass die ideologiebeladene Diskussion um die Alternative Markt oder Staat unergiebig ist, hat schon die Freiburger Schule um Walter Eucken betont. Dass diese ordnungsökonomischen Fragen noch heute bedeutsam sind, hat kaum jemand besser verstanden und belegt als Elinor Ostrom.

– Michael Wohlgemuth ist Professor für International Governance an der Universität Bayreuth und Fellow am Walter-Eucken-Institut.

Autor: Michael Wohlgemuth