Bad Krozingens Entwicklung

KOMMENTAR: Die große Dorfstadt

Hans-Peter Müller

Von Hans-Peter Müller

Do, 17. Mai 2018

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Man kann es den Bad Krozingern ja nicht verdenken. In Zeiten, in denen sich die letzten Gewissheiten auflösen, lässt man die Kirche lieber im Dorf. Denn der Blick über den Kirchturm birgt einfach zu viele Antworten auf nie gestellte Fragen, die die Bevölkerung verunsichern würden. US-Präsidenten, die mit Nordkorea kungeln, Fußballer, die nicht wissen, wer ihr Präsident ist, Kirchenväter, die etwas dagegen haben, dass Kreuze aufgehängt werden, grüne OBs, die in grünen Großstädten abgewählt werden, wer blickt da noch durch? Und so kommt es, dass der größte Wunsch der Bürgerinnen und Bürger einer Stadt in einem der schönsten Winkel deutscher Lande der ist, dass der dörfliche Charakter erhalten bleibt. Wenn dieses in einem aufwändigen Bürgerbeteiligungsprozess nun herausgearbeitete Ziel bis 2030 verwirklicht sein sollte, wird die Kurstadt gewiss zur Pilgerstätte für Stadtplaner aus aller Welt. Denn es wird hochspannend sein, zu beobachten, wie dieser Spagat gelingt. Der Spagat zwischen den Ansprüchen einer Großen Kreisstadt, die Bad Krozingen ja auch gerne werden möchte, und dem Wunsch nach Idylle. Man kann nur hoffen, dass es die Verantwortlichen auf dem Weg zu einer solchen Großen Dorfstadt dann nicht zerrissen hat. Wie soll eine Gesamtstadt mit nun dauerhaft über 20 000 Einwohnern die Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum und Gewerbeentwicklung (beides aber bitte ohne gierige Investoren) erfüllen, wenn mehr als ein Drittel der Bevölkerung an ihren vier annähernd gleichgroßen eingemeindeten Dörfern hängt. Wo diese Zerreißproben jetzt schon hinführen, hat man gerade im Gemeinderat gesehen, der sich mit der Bebauung am Lammplatz extrem schwertut und wegen eines Stockwerks mehr oder weniger vier Jahre Planung in die Tonne zu treten droht. Und die Forderung nach Überprüfung der Fußgängerzone an der Bahnhofstraße verheißt auch nichts Gutes. Wie soll man die Ansicht der Geschäftsleute, die ihr Heil darin sehen, dass jeder Kunde möglichst mit dem Auto ins Geschäft fahren soll, mit den Wünschen nach Verkehrsberuhigung und dem Ausbau der Radwege unter einen Hut bringen?