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20. Juli 2012

Die Entwicklung der Outdoor-Industrie

Leitartikel: Abenteuer im Stadtdschungel

Der Siegeszug der Multifunktionsjacke ist nicht mehr aufzuhalten. Alte Probleme wie Windschutz, Atmungsaktivität und Feuchtigkeitsmanagement sind gelöst, und inzwischen sehen die Modelle von Jack Wolfskin, Patagonia oder North Face auch nicht mehr so mausgrau funktional wie Seniorenbequemkleidung aus. Zu den neuen Trends auf der Outdoor-Messe in Friedrichshafen gehören farbige Systemreißverschlüsse, natürliche Materialien wie Kork und Wolle und technische Innovationen wie das Moskitoschutzsystem "No-Fly-Zone" oder selbstkühlende Textilien, die Schweiß in geruchsneutrale Gänsehaut verwandelt.

Der lifestylebewusste Outdoorer wird mit immer neuen Produkten versorgt, mit denen er zu Hause, im Büro oder beim Grünen-Treff eine gute Figur machen kann: Campingtischchen, die ins Designerloft passen, Kinderwagen für den Großstadtdschungel wie der Jungle Carrycot Chili, CO2-neutrale Rucksäcke, Trekking-Biofood in Sternequalität, Barfußschuhe aus Bioleder mit festem Grip und natürlichem Abrollverhalten.

Der Outdoor-Markt ist seit Jahren das am schnellsten wachsende Segment der Sportartikelbranche. Die Zuwachsraten bei Funktionsunterhosen und Softshell-Jacken liegen bei 20 Prozent und mehr. Zwar zeichnet sich in diesem Jahr erstmals eine Marktsättigung ab, aber die Zeiten, da nur alte Männer in karierten Flanellhemden und Luis-Trenker-Wollsocken wanderten und kletterten, sind vorbei. In der beschleunigten, flexiblen Gesellschaft widmen sich ganze Familien neuen Trendsportarten wie Trailrunning (Berglauf) oder Speed-Hiking (Schnellwandern). Globetrotter-Kaufhäuser und Outdoor-Hallen fürs Indoor-Climbing schießen aus dem Boden wie die Heizpilze der Outdoor-Gastronomie.

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Der neue Trend Urban Outdoor ist eine Art wärmende multifunktionelle Zwangsjacke. Man lebt und kauft, als ob der Weg zur Arbeit ein Abenteuer wäre und der Einkauf bei Aldi so gefährlich und ursprünglich wie Jagen und Sammeln. Aber draußen soll alles bitte so warm, sauber und komfortabel wie drinnen sein. Man will heraus aus der Komfortzone, aber es muss schon auch Spaß machen und gut aussehen.

Mütter fahren darum ihre Kinder in klobigen Geländewagen in den Kindergarten und ziehen sich für die Wildnis zwischen Garage und Haustür Multifunktionsjacken über, deren Praxistauglichkeit auf Antarktisexpeditionen und im Weltraum erprobt wurde. Der Balkongärtner nennt sich stolz Urban Gardener, der urbane Stubenhocker träumt von der Landlust. Trendforscher sprechen von der Sehnsucht nach aktiver Entspannung und "convenient nature" (bequemen Naturerlebnissen). Rousseaus edler Wilder will offensichtlich zurück zur Natur, Freiheit und Abenteuer erleben. Aber das Leben ist nun einmal keine Camel-Trophy-Expedition mit Rundumsorglos-Paket.

Amphibienschuhe, wasserfeste I-Pads und geländetaugliche Kinderwagen lösen bei Stil- und Kulturkritikern Kopfschütteln und blanken Hass aus. Man kann sich leicht über hässliche Regenjacken im Theater und die Widersprüche zwischen Natur und Konsum echauffieren. Die Öko-Jacke ist aus Polyamid und der Fußabdruck eines Porsche Cayenne größer als der von Trekkingquadratlatschen.

Dass sich der Boom in diesem Jahr zum ersten Mal abflachte, führen die Hersteller auf das schlechte Wetter zurück. Man kauft sich ja keine Allwetterjacke für 500 Euro, um sich gegen Regen und Kälte zu schützen, sondern wegen der darin eingenähten politischen, ökologischen, moralischen und modischen Statements: Seht her, ich bin weder eitler Modegeck noch spießiger Wandersmann, sondern flexibel, sportlich, nachhaltig und natürlich. Na und? Solange die Leute nicht im mückensicheren Taucheranzug ausgehen, sollen sie ruhig weiter ihre Ersatzabenteuer suchen.

Autor: Martin Halter


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