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11. März 2010
Winnenden zeigt, wie schwierig Erinnern ist
Leitartikel: Allein, aber in der Trauer vereint
Der Wunsch nach Rückkehr in die Normalität wird in Winnenden vorerst unerfüllt bleiben
Die Polizei wird heute wieder vor Ort sein wie vor einem Jahr. Man wird nicht alle Sicherheitsleute sehen, denn zu viele Uniformierte lösen auch Ängste aus. Aber allein die Anwesenheit des Bundespräsidenten und die Sorge vor einem Anschlag an ausgerechnet diesem Tag machen verstärkte Vorkehrungen nötig. Dabei wollen die Bewohner von Winnenden nur in Ruhe der Toten gedenken.
Auch die Vertreter der Medien werden da sein und berichten. Sie werden erinnern an das, was passiert ist, den 15-fachen Mord an einer Schule in Winnenden und vor einem Autohaus in Wendlingen. Dabei wurden die Bewohner von Winnenden nicht gefragt, ob auch sie erinnert werden wollen an den 11. März 2009. Viele von ihnen sagen, sie wollten vergessen, sie wollten wieder in einer ganz normalen Stadt leben. Doch seit einem Jahr hat sich Winnenden und Amoklauf zu einem Synonym entwickelt. Ähnlich wie Eschede, Lockerbie oder Columbine. Der Wunsch nach einer Rückkehr in die Normalität ist nachvollziehbar, aber er kann vorerst nicht in Erfüllung gehen.
Denn die alte Normalität ist unwiederbringlich verloren, es gibt kein Zurück. Acht Schülerinnen, ein Schüler, drei Lehrerinnen, ein Krankenpfleger und zwei Kunden eines Autohauses sind tot. Dazu der 17-jährige Attentäter. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Winnenden hat einen Amoklauf erlitten, dies lässt sich nicht mit noch so viel gutem Willen wegwischen. Zurück bleiben die Angehörigen der Toten, die Verletzten mit ihren körperlichen und die Traumatisierten mit ihren seelischen Wunden, eine ganze Stadt, deren Bewohner das Grundgefühl der Sicherheit eingebüßt haben.
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Doch dieser Wunsch nach Rückkehr in die Normalität ist nie ganz ungebrochen – und gerade das macht solche Jahrestage für die Beteiligten so schwierig. Denn da gibt es auch die Erwartung, mit all den Nöten und der Trauer nicht alleine zu sein, sondern gesehen zu werden. Die Seelsorger und Betreuer vor Ort berichten, dass die Menschen den Wunsch äußerten, in Ruhe gelassen zu werden. Aber sie alle empfänden es zugleich als ungemein tröstlich zu wissen, dass man sie nicht vergessen hat. Dass es hilft zu erleben, wie viele Menschen mitfühlen. Doch es bleibt eine Gratwanderung für alle Beteiligten, die Medien voran. Weil jeder der Betroffenen anders trauert. Aber auch, weil es in Winnenden Menschen gibt, die bestürzt und schockiert sind, aber nicht auf Dauer erdrückt werden möchten von der Schwere, die die Erinnerung bringt. Und die nicht reduziert werden möchten auf den Amoklauf.
Gerade unter diesen ganz besonderen Umständen war es wichtig, dass die Landesregierung und der Landtag es vor einem Jahr nicht bei Willensbekundungen belassen haben. Unmittelbar nach der Tat, als in der Öffentlichkeit vor allem Schlag- und Reizwörter hin- und hergeschleudert wurden, musste man Schlimmes befürchten. Doch es folgte eine sehr ernsthafte und sachliche Diskussion über die zu ziehenden Konsequenzen. Der Katalog an Empfehlungen mag auf den ersten Blick etwas beliebig erscheinen, als hätten die Politiker einfach aufgelistet, was die Experten ihnen ans Herz legten. Doch das wird der Arbeit des Sonderausschusses nicht gerecht. Die Mitglieder haben sich sehr intensiv und grundsätzlich mit den Vorgeschichten solcher Taten beschäftigt. Und damit auch mit der Frage, warum die Drohungen, die die späteren Täter fast alle und meist mehrfach aussprachen, nicht ernst genommen wurden – und wie sich dies ändern lässt. Immer unter der Prämisse, alles zu tun, was eine Wiederholung verhindert.
Diese Ernsthaftigkeit, dieses gewissenhafte Bemühen, wird die Trauer der Angehörigen von Winnenden nicht mindern. Aber es wird vielleicht etwas Trost bringen. Und es wird ihnen auch sagen, wie wichtig es bei allem Schmerz ist, solche Gedenktage zu begehen.
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Autor: Franz Schmider
