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08. Februar 2012
Debatte um Demenz
Leitartikel: Danke, Rudi Assauer
In einigen Jahren betrifft diese Krankheit mehr als zwei Millionen Bürger
Ist Alzheimer ein Tabu? Diese Frage ist zugegeben erstaunlich. Denn als der Tübinger Gelehrte Walter Jens an Alzheimer erkrankte, nahm die Öffentlichkeit an seinem Leiden Anteil. Und das Buch "Der alte König in seinem Exil", in dem Arno Geiger vom Leben seines dementen Vaters erzählt, steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten. Etwas, was tunlichst beschwiegen werden soll – ein Tabu – ist Alzheimer also nicht.
Umso interessanter ist die Frage, warum das ganze Land gleichwohl seit Tagen über Rudi Assauers Alzheimer-Schicksal spricht. Ein Grund dafür liegt auf der Hand: Zum ersten Mal spricht ein Prominenter selbst davon, was es heißt, an Alzheimer zu leiden. Und das macht die Schalke-04-Legende so ehrlich und so würdevoll, dass er etwas Gutes vollbringt. Assauer bringt uns alle zum Nachdenken über diese Krankheit. Und er verweist auf einen Missstand – den Missstand, dass es in Deutschland nach wie vor an Hilfe und Betreuung für viele tausende Demenzkranke und ihre Angehörigen fehlt. Kleinkarierte Geister mögen bekritteln, dass Assauer verschiedene Medien von der "Bild" über den "Stern" bis zum ZDF einspannt. Na und? Was spricht dagegen, dass er seine Prominenz nutzt und mit dem ZDF eine beeindruckende, nur leider auf einem schlechten Sendeplatz ausgestrahlte Dokumentation dreht? Hat nicht auch die Sängerin und Schauspielerin Hildegard Knef Gutes bewirkt, als sie Mitte der siebziger Jahre in Interviews über ihr Krebsleiden sprach und um Verständnis für Krebspatienten und mehr Forschung und bessere Therapien warb?
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Was Assauer anbelangt, ist auch zu bedenken, dass ihm sein Schritt bestimmt nicht leicht fiel. Er, der Ausbund an Lebenskraft, der Ober-Macho zeigt sich nun als ängstlicher, als hilfsbedürftiger Mensch. Das ist auch der tiefe Grund, warum so viele Bürger sein Schicksal bewegt. Alzheimer und Demenzerkrankungen lösen in jedem von uns eine besondere Angst aus. Denn zum einen gibt es weder wirksame Vorsorge noch Heilung. Und zum anderen empfinden wir Alzheimer als Demütigung, weil dieses Leiden dazu führt, dass jemand sein ganzes Ich verliert. Zu vergessen, wer man war und ist, geliebte Angehörige und Freunde nicht mehr zu erkennen, jede Individualität und Selbständigkeit einzubüßen: Dieses allmähliche, aber unumkehrbare Verlöschen des Lebens ist es, die jeder von uns fürchtet.
Natürlich vertreibt Assauers Auftritt diese Furcht nicht. Er schafft aber eine durchaus tröstliche Aufklärung. Wird nämlich Alzheimer zu einem breit diskutierten Thema, ist auch klar, dass die Angst vor dieser Krankheit nichts ist, worüber man sich schämen müsste. Wie sollte das auch sein, wenn wir doch alle diese Angst kennen? In dieser Aufklärung liegt eine große Chance – die Chance, endlich mehr Verständnis und Rückhalt für Alzheimer-Patienten und ihre Familien zu entwickeln. Was heute noch der mutige Schritt eines Rudi Assauer ist – also die ehrliche und unbefangene Rede über die Krankheit – muss so selbstverständlich werden, dass niemand sie mehr als mutig wahrnimmt. Und so wie Berlin es schaffen muss, die Pflegeversicherung endlich auf die Lebenslage von Alzheimer-Kranken und Altersverwirrten einzustellen (die schwarz-gelbe Koalition hat dieses Ziel weitgehend verfehlt), muss jede Stadt und jede Gemeinde Wege finden, damit Kranke und Nicht-Kranke zusammenleben können. Vielleicht gelingt es der Medizinforschung und der Pharmakologie, wirksame Therapien zu finden. Es wäre aber verkehrt, sich darauf zu verlassen. Bisher jedenfalls stehen nennenswerte Fortschritte der Wissenschaft aus. Also bleibt nur, die erwähnte Chance anzupacken. Denn auch wenn Assauer das prominente Gesicht von Alzheimer ist: Schon in einigen Jahren wird das allmähliche Verlöschen des Lebens mehr als zwei Millionen Bürger betreffen.
Autor: Bernhard Walker
