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10. Februar 2012
Leitartikel
Krach macht krank: Den Lärmopfern Gehör schenken
Die Klage über zu viel Lärm ist berechtigt und keine Frage der Befindlichkeit
Ist es wirklich lauter geworden im Land oder ist aus den Deutschen ein Volk der Mimosen geworden? Haben die Blockierer und Besitzstandswahrer das Ruder übernommen, denen die saturierte Ruhe an der Kaffeetafel wichtiger ist als Fortschritt, Wohlstand und vor allem Wachstum? In Frankfurt wollen sie die eben erst fertiggestellte Landebahn wieder aus dem Verkehr ziehen, in München den Ausbau und in Berlin am liebsten gleich die Eröffnung eines ganzen Flughafens verhindern, am Hochrhein stören landende Flieger und vom Mittel- bis zum Oberrhein die vorbeirollenden Züge. Wer weitere Beispiel sucht, der spitze nur die Ohren.
In der Rangfolge der Umweltbelastungen hat der Lärm eine steile Karriere hinter sich und ist ganz nach oben gerückt. Fast zwei Drittel der Deutschen geben an, unter Lärm zu leiden. Vor allem der vom Verkehr ausgehende Lärm wird als besonders störend empfunden. Berechnungen des Umweltbundesamtes haben ergeben, dass 13 Millionen Bundesbürger einem Geräuschpegel ausgesetzt sind, der zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt. Allen voran Schlafstörungen, daraus resultierenden Folgen für Herz und Kreislauf, Dauerstress aufgrund der permanenten Alarmreaktion des Hormonhaushalts und Konzentrationsprobleme. In einer Studie im Umfeld des Flughafens Köln konnten Mediziner anhand von Daten der Krankenkassen einen unmittelbaren Zusammenhang zum Lärmpegel nachweisen, ein erhöhter Medikamentenkonsum eingeschlossen. Zwischen drei und fünf Prozent der tödlich verlaufenden Herzinfarkte sind nach einer Studie der Weltgesundheitsorganisation auf Krach zurückzuführen.
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Es geht also nicht um Befindlichkeiten, die sich wieder legen. Man darf die Doppelmoral beklagen, wenn ausgerechnet Autofahrer über Verkehrslärm und Jet-Setter über den Krach startender Flugzeuge lamentieren. Und natürlich gibt es jene, die Ruhe in erster Linie für sich selbst reklamieren. Aber das macht nicht wett, dass zum Beispiel die Zahl der Flüge sich in den vergangenen 20 Jahren auf mehr als drei Millionen verdoppelt hat – mit entsprechend gestiegener Belastung für die Anwohner. Und bis 2017 soll die Zahl der Flugbewegungen um weitere 22 Prozent auf dann 3,64 Millionen weiter wachsen. Wer trägt die Last? Selten jene, die von der Entwicklung am meisten profitieren. Was für Flugzeuge gilt, gilt auch für andere Lärmquellen, namentlich für den Güterverkehr auf Schiene und Straße.
Wo findet der Mensch da noch seine nötige Ruhe? Denn zugleich frisst sich der Siedlungsraum in die Landschaft hinein. Was nicht wächst, ist die Fläche Deutschlands. Das heißt: Es wird enger, der Lärm rückt näher heran an die Menschen, an zunehmend genervte, gehetzte Menschen. Das ist der Nährboden, auf dem der Wutbürger wächst.
Wie ein Dünger wirken darauf die vielen falschen Versprechungen der Vergangenheit. In Frankfurt war mit dem Bau der Startbahn West das Versprechen verbunden, dass der Ausbau abgeschlossen sei – es wurde gebrochen. Es gab die Zusage eines Nachtflugverbots – sie wurde nicht eingehalten. In München sollte es bei zwei Terminals bleiben – jetzt sollen es drei werden.
Die Politik muss nicht nur endlich das Thema Lärm ernst nehmen und es anpacken. Es geht nicht um eine gefühlte, sondern eine nachweisliche Bedrohung für die Gesundheit. Es geht darum, dass Lärmschutz endlich einen höheren Stellenwert bekommt, die Grenzwerte verschärft und auch durchgesetzt werden. In der Abwägung zwischen ökonomischen und gesellschaftlichen Erfordernissen fiel die Entscheidung vornehmlich nach den wirtschaftlichen Interessen. Das muss sich ändern. Gesundheit ist ein Menschenrecht. Die es einfordern, müssen endlich gehört werden.
Autor: Franz Schmider
