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27. Juli 2010
Leitartikel
Die Loveparade und andere Spektakel: Hauptsache Party
Von Altamont bis Duisburg: Das Bedürfnis nach ekstatischem Selbstverlust in der Masse ist offenbar unausrottbar
Als vor vierzig Jahren beim Konzert der Rolling Stones in Altamont Meredith Hunter durch Messerstiche von Hells-Angels-Ordnern starb, war der Sommer der Liebe vorbei. Die Utopie der Blumenkinder war in einem Meer von Müll, Blut und Tränen ertrunken. Duisburg ist nicht das "Altamont der Technobewegung". Die Rave-Kultur hat ihre besten Zeiten längst hinter sich: Was in Berlin als eine Art Demonstration begann, war zuletzt nur noch ein Kommerz-Spektakel: Ballermann mit 150 Beats pro Minute, ins Ruhrgebiet dirigiert von ehrgeizigen Politikern und Sponsoren. In Altamont hatten überforderte Rocker eine Massenpanik mit Gewalt niederschlagen wollen. Duisburg war eine vermeidbare Katastrophe.
Popkonzerte sind Orte organisierten Kontrollverlusts. Die Besucher wissen, was sie erwartet: Lärm, Dreck, Hitze, Gedränge – und ein Mega-Event, der alle Risiken und Leiden überstrahlt: Die Party, von der man noch den Enkeln erzählen wird. Im Schlamm von Woodstock, so jedenfalls der Mythos, tanzte die Jugend der Welt Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; noch die erste Love Parade nahm mit ihrem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" ironisch auf die Ideale Bezug. Heute sind Live-Acts die letzten Rettungsanker einer Musikindustrie, der das Internet die alten Medien und Geschäftsmodelle aus der Hand geschlagen hat.
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Aber auch das Publikum hat sich verändert. In der Woodstock-Ära war das Fast-Umsonst und Draußen-Erlebnis ein Mittel zum Zweck. Heute ist es eher umgekehrt. Ob Autokorso oder Weltjugendtreffen mit dem Papamobil, ob Techno, Volksmusik oder Wagner: Hauptsache Party. Den Kriegsgenerationen steckte nach den Massenräuschen von 1914 und 1933 der Kater noch lange in den Knochen. Für sie war jeder Massenauflauf von Übel, ein Triumph des Willens mit halbstarken Mitteln und Drogen. Aber das Bedürfnis nach ekstatischem Selbstverlust in der Masse ist offenbar unausrottbar. Gerade die Generation Facebook, die das Gefühl physischer Nähe nur noch vom medialen Rauschen, vom virtuellen Twittern und Simsen her kennt, will sich zuweilen ihres authentischen Lebensgefühls vergewissern: Daher die pseudoreligiöse Aufladung von Live-Erlebnissen, daher die La-Ola-Welle der Stadien und Fanmeilen, die Flashmobs, die sich im Internet zu Happenings verabreden. Der Einzelne will den Käfig seiner Einsamkeit verlassen, heraus aus der unverbindlichen Pseudo-Gemeinde im Netz – und findet sich hilflos gefangen in einem "eingezäunten Affenzoo" (der Love-Parade-Diskjockey Basti Schwarz) wieder.
Das alles ist kein Anlass zu kulturpessimistischer Schadenfreude. Jede Generation sucht ihre Gemeinschaftserlebnisse, und eine chaotische Raverparty ist immer noch besser als ein ordentlicher deutscher Massenaufmarsch. Man muss seinen Verstand ja nicht gleich am Einlasstor abgeben. Selbst hochverdichtete Massen in Panik handeln nicht völlig irrational und egoistisch: Es gibt eine Art Schwarmintelligenz und Beispiele spontaner Hilfsbereitschaft. Allerdings genügt heute der Flügelschlag eines Schmetterlings – ein Ausrutscher im Regen, ein Gewitter, ein versperrtes Tor – , um eine Masse in Panik zu versetzen. Selbst friedlich pilgernde Hindus und Moslems sind nicht dagegen gefeit; um wie viel weniger eine durch Alkohol, Drogen und überspannte Erwartungen aufgeputschte Menge von Jugendlichen. Mit organisatorischer Um- und Weitsicht lässt sich Druck aus dem Kessel nehmen; ganz lässt sich das Risiko nie ausschalten.
In Duisburg wurde so ziemlich alles falsch gemacht. Richtig war nur die Entscheidung, die Beschallung nicht sofort abzuschalten. The show must go on – zur Schadensbegrenzung. Um die Loveparade ist es nicht schade. Irgend ein anderes Massen-Spektakel wird ihr folgen.
Autor: Martin Halter
