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11. Februar 2012
Die Kanzlerin und die Eurokrise
Leitartikel: Merkels Bewährungsprobe
Merkel gilt als sparsame Hausfrau – das ist für sie Chance und Risiko zugleich
Zur Fahndung ausgeschrieben ist Angela Merkel in Griechenland bisher nicht. Aber klar ist dies: Die Kanzlerin ist für viele Griechen zur Zielscheibe ohnmächtigen Zorns geworden. Die Deutsche gilt ihnen als Verantwortliche für die als gnadenlos empfundene Haltung innerhalb der Europäischen Währungsunion. Weitere Hilfen nur gegen ein weiteres Sparpaket, ein Ultimatum zur Bestätigung der Einschnitte im Detail oder Zahlungsunfähigkeit – dieser Kurs wird ihr zugeschrieben und begräbt jegliches Restansehen Merkels in Griechenland unter einer Woge öffentlicher Empörung.
Klar ist allerdings auch: Im eigenen Land wächst Merkels Reputation zugleich erheblich. Mehr als zwei Drittel der Deutschen bescheinigen der Regierungschefin und CDU-Vorsitzenden im jüngsten Politbarometer, die Eurokrise "eher gut" zu managen. Bei Infratest-Dimap bejahten dieser Tage sogar 85 Prozent die Frage, ob sie sich von Merkel im Ausland gut vertreten fühlten. Ein in der Geschichte der Bundesrepublik selten erreichter Wert.
Augenscheinlich wird die Führungsrolle, die die deutsche Kanzlerin innerhalb der Eurogruppe sowie in der Europäischen Union faktisch übernommen hat, zuhause goutiert. Und mehr noch: Die Mehrheit der Bürger fühlt sich in diesen instabilen Zeiten bei Merkel behütet und aufgehoben. Das ist insofern bemerkenswert, als die Opposition seit Jahren bemängelt, die Kanzlerin habe durch ihr Zögern und Zaudern die Währungskrise verschlimmert, ja womöglich in ihrer Dramatik erst ausgelöst.
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Das war allerdings immer eine ziemlich abenteuerliche These – mehr von parteipolitischer Attacke denn von Sachkunde geprägt. Es spricht für den gesunden Menschenverstand weiter Teile der Bevölkerung hierzulande, wenn die zwar die Irrungen und Wirrungen der Schuldenkrise im Einzelnen längst nicht mehr durchschaut – Seien wir ehrlich: Wer tut das noch? –, aber misstrauisch reagiert, wenn so getan wird, als stünden bei Bedarf Patentrezepte gegen die Krise zur Verfügung, die bloß die Kanzlerin in ihrer Verbohrtheit nicht sieht.
Merkels Krisenpolitik der kleinen Schritte wirkt eben deshalb glaubwürdig, weil sie nicht vorgibt, sämtliche Konsequenzen bestimmter Etappen zu jedem Zeitpunkt vollständig zu überblicken. Trotzdem vermittelt sie den Bürgern den Eindruck, deren Steuergeld zumindest nicht leichtfertig für unsichere Kantonisten aufs Spiel zu setzen. Ein Pfund, das in der Öffentlichkeit schwer wiegt und der Kanzlerin auch in der anstehenden Auseinandersetzung um die politische Vormachtstellung – mit welchem SPD-Herausforderer auch immer – einen enormen Vorteil verschafft. Indes droht dieses Pfund sich nach Lage der Dinge in Ballast zu verwandeln. Sollte sich Merkel in einer der nächsten Krisenphasen gezwungen sehen, zugunsten des Fortbestandes des Euro weit mehr deutsche Finanzmittel einzusetzen, als ohnehin absehbar ist, wäre es rasch vorbei mit ihrem Renommee der sparsamen Hausfrau.
Fest steht: So stark ihre Position derzeit erscheint, so sehr steht Merkel unter Druck. Das Desaster in Griechenland führt anschaulich vor Augen, dass Sparen allein ins Verderben führt. Dadurch gewinnen die Argumente all derjenigen an Kraft, die mit riesigen Beträgen das Wachstum in der Eurozone ankurbeln wollen. Wachstum, das wiederum mit geliehenem Geld ausgelöst würde und deshalb die Abhängigkeit von den Finanzmärkten weiter erhöhte.
Den Deutschen zu erklären, dass zum Beispiel ein Investitionsprogramm für notleidende Länder durchaus im eigenen Interesse liegen könnte, weil die hiesige Wirtschaft ohne Exporte nicht einmal mehr säuseln würde, könnte zur eigentlichen Bewährungsprobe für die Kanzlerin werden. Erst wenn sie die besteht, wird Merkel politisch so stark, wie die Umfragen heute schon suggerieren.
Autor: Thomas Fricker
