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14. Januar 2016

Der Tourismus und der Terror

Leitartikel: Verreisen – jetzt erst recht

Der Philosoph Immanuel Kant hat es auf den Punkt gebracht: "Das Reisen bildet sehr; es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung." Wer in der Welt herumkommt, weiß, es gibt auch andere Kulturen, die Großartiges geschaffen haben: Moscheen, deren Ornamentik fasziniert, ideale Orte der Besinnung. Aber vielerorts auch Armut und Ungerechtigkeit. Er weiß zudem, dass dort wie hier großartige, tolerante Menschen leben, aber auch solche, mit denen man nichts zu tun haben möchte. Wer gereist ist und sich auf das Fremde eingelassen hat, ist daher eher gefeit gegen Rassismus und wird nicht in allen Flüchtlingen, die kommen, potenzielle Gewalttäter sehen, wie es jetzt leider oft geschieht.

Zunehmend wird uns dieses Reisen aber vergällt. Vor der Blauen Moschee, einem wunderschönen Ort in Istanbul, explodierte diese Woche eine Bombe, gezündet von Islamisten. In Paris töteten Anhänger der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) im November in einem Ausgehviertel mit Bars und Kneipen 130 Menschen, auch Touristen. In Tunesien traf es 2015 gleich zwei touristische Ziele: den Badeort Sousse und das Bardo-Museum in Tunis, in dem die reiche Geschichte des Landes zu sehen ist. Verschweigen sollte man auch nicht, dass Terroristen ein russisches Flugzeug abstürzen ließen, in dem Ägypten-Urlauber saßen.

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Man kann sich leicht vorstellen, dass die Anschläge nicht die letzten gewesen sein werden. Touristische Ziele sind für Terroristen naheliegend, weil sie damit gleich zwei Feinde treffen können: zunächst westliche Nationen und Russland. Sie gelten ihnen als Ungläubige. Zudem haben manche dieser Länder ihnen den Kampf angesagt. Es könnte gut sein, dass sich der Attentäter in Istanbul bewusst eine deutsche Gruppe aussuchte. Seit den Anschlägen von Paris unterstützt Deutschland den Kampf gegen den IS aktiv. Der zweite Feind sind die Regierungen vieler muslimischer Länder. Sie sollen zu Fall gebracht werden, um islamistische Staaten aufzubauen. Deshalb versuchen die Terroristen den Tourismus zu zerstören, der in Ländern wie Tunesien, Ägypten oder der Türkei ein wichtiger Wirtschaftszweig ist. Wenn die Menschen erst arbeitslos sind und die Unzufriedenheit wächst, so die Hoffnung, werden ihnen diese Länder wie reife Früchte in die Hände fallen.

Gerade nach Paris war immer wieder zu hören: Wir bieten den Terroristen die Stirn, wir lassen uns nicht einschüchtern. Dennoch gab es besorgte Eltern, die nach den Attentaten ihre Kinder lieber nicht zum Schüleraustausch nach Frankreich fahren ließen. Verständlich. Man kann es auch niemandem verdenken, wenn er seinen Tunesien- oder Türkeiurlaub storniert. Selbst wenn die Wahrscheinlichkeit, einem Attentat zum Opfer zu fallen nicht besonders groß ist, allein schon der Gedanke daran lässt einen entspannten Urlaub unwahrscheinlich erscheinen.

Das Schlimme ist, dass der Terrorismus nicht nur eine Kampfansage an sämtliche Staaten ist – ob muslimische oder nicht-muslimische. Er will auch die Menschen voneinander entfernen, sie gegeneinander aufstacheln. Angesichts islamistischen Terrors misstrauen heute schon viele in Europa Muslimen, ohne sich bewusst zu machen, dass unter ihnen die meisten Opfer sind. Wer sich das vor Augen führt, kann nur sagen: Jetzt reise ich erst recht. Doch vielleicht müssen wir unsere Gewohnheiten ändern – zumindest zeitweise – und große Hotels meiden, weniger klassische Tourismusziele besuchen, uns mehr unters Volk mischen. Fernab der Touristenströme gibt es in Istanbul oder Tunis schöne Viertel, die nicht im Fokus der Terroristen stehen dürften. Diese Art zu reisen ist mühseliger, als sich von Reiseleitern führen zu lassen. Sie birgt aber die Chance, das Leben besser kennenzulernen. Und damit auch die Menschen.

Autor: Annemarie Rösch