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12. März 2010

Leitartikel

Missbrauch an Schulen: Der schwierige Blick zurück

Seit Wochen vergeht kein Tag, ohne dass irgendwo ein Fall sexuellen Missbrauchs an Kindern bekannt wird. Häufig betreffen die Vorwürfe katholische Einrichtungen. Aber auch evangelische Schulen – wie das Internat Gaienhofen am Bodensee – oder Stätten der Reformpädagogik haben Schuld auf sich geladen.

Waren die Schulen, Internate und Heime dieser Republik früher alle mehr oder weniger Orte übler Verbrechen? Wie viel Kinder und Jugendliche insgesamt wurden sexuell missbraucht, körperlich oder seelisch misshandelt und auch deshalb traumatisiert, weil feiges Schweigen den Opfern jeden Ausweg in Form von Mitleid und Anteilnahme verbaute? Was heißt das für die Betroffenen heute? Und was muss geschehen, damit sich Vergleichbares nicht wiederholt? Verdrängen lassen sich diese Fragen nicht mehr. Nicht nach dieser Flut schockierender Fälle.

Die Fragen zu beantworten, wird deshalb nicht leichter. Im Gegenteil. Anscheinend richtet das Ausmaß des Missbrauchs heute weiteren Schaden an: Die öffentliche Diskussion droht im Unübersichtlichen zu ersticken. Dimensionen geraten durcheinander, Maßstäbe verrutschen. Und manch einer der Diskutanten ficht insgeheim einen anderen Kampf: Er geißelt den Missbrauch und meint die Institution. Letzteres gilt für Kirchengegner, aber auch für Zeitgenossen, die die Pädagogen der 68er-Generation immer für verkappte Pädophile gehalten haben und nun frohlocken.

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Schwierig zu bewerten sind die Vorgänge schon deshalb, weil sie fast durchweg lange zurückliegen. Um Missverständnisse zu vermeiden: Sexueller Missbrauch bleibt ein widerliches Verbrechen, gleichgültig wie lange die Tat zurückliegt. Aber es geht nicht nur darum, sondern auch um körperliche Gewalt. Ein Lehrer verdrischt Schüler – aus heutiger Sicht ein klarer Fall von Misshandlung. In den 60er Jahren aber gehörten Hiebe noch zum traurigen Erziehungsstandard. Waren sie für den gepeinigten Schüler deshalb erträglicher? Oder musste er den Rohrstock mit blankem Hintern erdulden? Verschaffte sich ein diese Prügelvariante bevorzugender Lehrer damit nicht doch ein doppeltes, nämlich brutales und zugleich sexuell motiviertes Vergnügen?

Allein dieses Einzelbeispiel zeigt, wie vielschichtig die Fälle sind. Wie sehr die Grenzen verschwimmen können zwischen schwarzer Pädagogik und Perversion, zwischen sexuell motivierter Kriminalität und der Schikane spießiger Kleingeister, zwischen menschlicher Schwäche und monströser Doppelmoral. Hier echte Aufarbeitung zu leisten, ist schwer, zuweilen vielleicht unmöglich. Das heißt aber nicht, dass man es erst gar nicht ernsthaft zu versuchen bräuchte. Umgekehrt wird der richtige Ansatz daraus: Bei der Aufklärung bedarf es extremer Sorgfalt und großer Wahrhaftigkeit aller Beteiligten.

Die erste Bringschuld in diesem Prozess lag fraglos bei der Katholischen Kirche, in deren Einzugsbereich besonders viele Fälle dokumentiert sind. Indes gebietet Fairness die Feststellung, dass die meisten Bischöfe und Ordensleute dies begriffen haben. Heute werden sie ihrer Verantwortung weitgehend gerecht.

Von allen politischen Repräsentanten lässt sich das nicht sagen. Wenn etwa die Justizministerin stur auf einem Runden Tisch ausschließlich zur Aufarbeitung von Missbrauch in der Kirche beharrt und den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, über die Medien zum Gespräch ruft, erinnert das eher an die Vorladung eines Delinquenten denn an die Einladung zum konstruktiven Miteinander. Offenbar will FDP-Frau Leutheusser-Schnarrenberger bei Kirchenkritikern punkten. Da bleibt der Anstand schon mal auf der Strecke. Die christdemokratische Kanzlerin aber scheut die Kontroverse. Lieber lässt sie ihre Familienministerin zum Gegentisch bitten. Halbherzigkeit à la Angela Merkel.

Autor: Thomas Fricker