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15. Juni 2012

Nachkarten bei der EnBW

Das Verhalten des Finanzministers Nils Schmid gegenüber dem Stromkonzern ist rätselhaft.

Alle Landtagsparteien waren hocherfreut, als CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus die EnBW handstreichartig von den Franzosen zurückkaufte. Aber dann besann man sich des Wahlkampfs, hernach kamen der Stimmungs- und schließlich der Regierungswechsel. Und der einst parteiübergreifend positiv gewertete Deal wurde für Grün-Rot plötzlich grottenschlecht.

Er wurde offenbar so schlecht, dass SPD-Finanzminister Nils Schmid gar eine Schiedsgerichtsklage anstrengte mit dem Ziel: Entweder wir bekommen den halben Preis zurück oder machen den Handel rückgängig. Dies hat nun nicht etwa die auf Transparenz bedachte Landesregierung enthüllt, sondern der Chef des ansonsten verschlossenen französischen Staatskonzerns EdF, Henri Proglio. Der war vom Landtags-Untersuchungsausschuss zur Zeugenvernehmung geladen, aber Proglio lehnte ab. Er begründete dies mit der Klage gegen sein Unternehmen und nannte die Details.

"Die Landesregierung steht voll und ganz zu seinem Engagement bei der EnBW", versicherte Schmid zwar treuherzig. Aber das Verhältnis ist gebrochen. Wie er die Korrekturen am Kaufvertrag begründet, sagt Schmid nicht und versteckt sich hinter einer angeblich vereinbarten Verschwiegenheit. Dabei wüsste man zu gern, warum die EnBW plötzlich nur noch die Hälfte wert sein soll. Der Untersuchungsausschuss fand bislang jedenfalls keine Hinweise auf einen überhöhten Preis für das französische Aktienpaket. Schwerer aber wiegen Schmids Hilfsanträge. Entweder Rückabwicklung oder die Erklärung der Nichtigkeit des Vertrags, also: entweder billiger oder gar nicht. Zwar streiten die Juristen über die Zwangsläufigkeit solcher Hilfsanträge. Aber die Gefahr, dass sie zum Zuge kommen, ist vorhanden. Darf man sie dann aber formulieren, wenn man angeblich felsenfest zur EnBW steht?

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Das Schiedsgerichtsverfahren ist bindend und kann sich über Jahre hinziehen. Also bleibt der Eindruck: Schmid ist ein Schnäppchenjäger, der nachträglich Rabatte fordert. Oder der selbst nicht an die proklamierte Rolle glaubt, die ein staatseigener Stromkonzern bei der Energiewende spielen könnte, weswegen er das Unternehmen am liebsten vom Hals hätte. Oder es geht um billige Parteipolemik, nach der erst mal alles grundsätzlich falsch sein muss, was die abgewählte Vorgängerregierung unternommen hat. Dieses Spiel ist gefährlich: Die Zeitspanne, in der eine neue Regierung alle Fehler der alten in die Schuhe schieben kann, ist nach mehr als einem Jahr verstrichen. Der zweite Großaktionär, die oberschwäbischen Landkreise, sind nicht amüsiert über Schmids Crashkurs und überlegen Gegenmaßnahmen. Das wird ihn kaum stoppen: Denn wie wenig Hemmungen Grün-Rot in Sachen EnBW kennt, wurde schon deutlich, als man Noch-Chef Hans-Peter Villis aus dem Amt mobbte. Nichts von alledem tut dem Unternehmen gut.

Autor: Andreas Böhme


1 Kommentar

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Tilman Winkler

Registriert seit: 21.09.2010

Kommentare: 46

15. Juni 2012 - 11:02 Uhr

Herr Böhme, Sie werfen Herrn Schmid eine Schnäppchenjäger-Mentalität vor. Vielleicht liegen Sie richtig,vielleicht ist das zu kurz gedacht:

Der EnBW-Kauf ist allein aufgrund der exorbitanten Risiken, die aus der Art der Finanzierung resultieren, für den Landeshaushalt eine tickende Zeitbombe: Die - verrückte - Idee des MP Mappus (oder der Marionetten-Spieler aus dem Hause Morgan Stanley, die die Fäden am Kopf von Mappus in die Hände gelegt bekommen hatten) lautet, der Kauf refinanziere sich aus den Dividenden des Konzerns.

Diese Idee hielten bereits vor Fukushima Fachleute für gewagt, den Kaufpreis für deutlich zu hoch; nachzulesen ist das beispielsweise im Handelsblatt vom 10.12.2010: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/enbw-verkauf-mappus-und-die-maultaschen-connection/3671518.

Der Finanzminister wäre sehr schlecht beraten, würde er nicht nach Möglichkeiten suchen, die Risiken dieses Projekts zu reduzieren oder loszuwerden.
Dass er und andere aus der damaligen Opposition vorschnell und unreflektiert den Deal bejubelt haben, schließt ja nicht aus, dass er dazugelernt hat!

Ich halte es deshalb für möglich, dass es dem Finanzminister auf eine realistische Betrachtung des Geschäftes und der Risiken ankommt und nicht auf die Möglichkeit, innerhalb einer nach Ihrer Vorstellung abgelaufenen Zeitspanne auf die Fehler der Vorgängerregierung einzuprügeln.

Sie nicht? Schade. Da trauen Sie auch Wählern wenig zu. Sie merken sich manches länger als ein Jahr!

Der Fehler am EnBW-Geschäft war ja nicht erst der Rückkauf zum zu hohen Preis und bei Aufgabe aller demokratischer Regeln. Der Einstieg in die Kette von Fehlern war der Verkauf der Landesanteile an der EnBW: Der Kaufpreis floss in die Landesstiftung BW und nicht in den Haushalt.

Deshalb geht auch die Milchmädchenrechnung nicht auf, Verkaufserlös und Aufwendungen für den Rückkauf miteinander zu verrechnen: Die Anteile gingen dem Landesvermögen verloren, der Kaufpreis nicht in das Landesvermögen über, nun aber treffen die Risiken aus dem Rückerwerb wieder den Haushalt.

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