Tagesspiegel

Übergriffe in Köln: Die Reißleine gezogen

Johannes Nitschmann

Von Johannes Nitschmann

Sa, 09. Januar 2016

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Die Abberufung des Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers war zwangsläufig. Der geschasste Polizeichef hat nicht nur den gründlich missglückten Einsatz bei den massenhaften Silvester-Übergriffen am örtlichen Hauptbahnhof zu verantworten, sondern viel mehr noch eine desaströse Informationspolitik über Täter und Tatverdächtige. So wollte seine Behörde die Öffentlichkeit zunächst mit einer "weitgehend friedlichen Silvesternacht" für dumm verkaufen. Die sich gerne als "politisch korrekt" gerierende Polizeiführung wollte die volle Wahrheit über das Ausmaß und die Akteure der Silvester-Übergriffe noch nicht einmal ihrem Innenminister Ralf Jäger zumuten: Auch dieser erhielt eine offenkundig verfälschte Einsatzmeldung. Nach Bekanntwerden dieses Skandals im Skandal hat Jäger nun die Reißleine gezogen, zumal es schon zuvor eine Serie von Einsatzpannen bei anderen Krisenlagen gab. Jäger hat seinen Parteifreund Albers in den Ruhestand geschickt. Dies ermöglicht einen personellen Neuanfang bei der Kölner Polizei, die bei der Bevölkerung viel Vertrauen und Autorität verspielt hat. Eine lückenlose Aufklärung der Silvester-Übergriffe erübrigt sich damit keineswegs. Dabei könnten noch Missstände und Fehlentwicklungen bei der Polizei ans Tageslicht kommen, die womöglich sogar den Amtssessel des NRW-Innenministers gefährden.