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14. Januar 2015

Unwort des Jahres

Tagesspiegel: Keule statt Argument

Lügenpresse. Man muss nicht die unselige Geschichte dieses Wortes bemühen, um die Ungeheuerlichkeit des Vorwurfes zu begreifen, der da pauschal und vielstimmig gegen viele erhoben wird, die täglich nach bestem Wissen und Gewissen ihrer Arbeit nachgehen. Fast schlimmer ist die Anmaßung, die da mitschwingt und die Basta-Mentalität. Wer einer ganzen Branche vorwirft, sie verbreite notorisch und absichtsvoll Falschmeldungen, wähnt sich selbst im Besitz der Wahrheit. Und zwar der einzig seligmachenden. Er würgt zudem jede Diskussion ab. Denn wer auf alle Fragen letztgültige Antworten hat, muss diese nicht zur Diskussion stellen. Damit aber überschreitet er die Grenzlinie zwischen einer offenen Gesellschaft und einer Diktatur. Die, welche da laut und aggressiv Lügenpresse in den Himmel über den Pegida-Demonstrationen brüllen, machen also genau das, was sie den Medien vorwerfen: Sie verunglimpfen und betreiben Meinungsterror. Nun muss man gewiss nicht alles gut finden, was die Medien so anbieten. Da werden Fehler gemacht. Da gab und gibt es gewiss Fehlentwicklungen. Wahrscheinlich auch einen Mangel an Selbstkritik. Aber wer hierüber reden, wer manches möglicherweise sogar verbessern will, muss seinem Gegenüber die Chance geben, sich zu erklären. Auch die Chance, Vorwürfe als falsch oder vorurteilsbeladen zu entkräften. Sonst bleibt nur lautstarke Sprachlosigkeit, droht Gewalt. Lügenpresse ist deshalb zu Recht Unwort des Jahres.

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Autor: Thomas Hauser