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03. September 2010

Leitartikel

Thilo gegen den Rest der Welt

Der Rauswurf bei der Bundesbank ist folgerichtig, die SPD dagegen sollte Sarrazin ertragen

Wer Ärger für ehrenhaft hält, für den ist ein Rauswurf keine Niederlage, sondern Unrecht. Bis zuletzt hatte man im Vorstand der Bundesbank wohl gehofft, Thilo Sarrazin könnte von sich aus zu der Erkenntnis gelangen , dass die Zentralbank womöglich nicht der richtige Arbeitgeber für ihn ist, dass seine Berufung vor eineinhalb Jahren mithin ein Missverständnis war. Das Image eines Zentralbankers – seriös, zurückhaltend, abwägend, verschwiegen – passt nun wirklich nicht zu dem sendungsbewussten Provokateur, zu dem Sarrazin sich immer stärker entwickelte, je älter er wurde. Schon vor Monaten hatte er sich deshalb Ärger mit seinen Vorstandskollegen eingehandelt, waren seine Kompetenzen deshalb beschnitten worden. Aber auch nach seinen neuesten Zumutungen sah Sarrazin das Problem eher bei seinen Kritikern als bei sich selbst. Ein Rücktritt passte deshalb nicht ins Selbstbild.

Zumal sich ein Rauswurf wunderbar vermarkten lässt. Denn der ist einmalig in der Geschichte der Bundesbank und wird dem Bundespräsidenten noch einiges Kopfzerbrechen bereiten. Er muss letztlich entscheiden, hat sich aber unverantwortlicherweise bereits weit aus dem Fenster gelehnt. Am Ende wird die Bank bezahlen müssen. Vor allem aber passt der Rauswurf zum Image des aufrechten Bürgers, der für seine Überzeugungen auch seinen Job riskiert. Als ob Sarrazin seine Schäfchen nicht längst im Trockenen hätte.

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Der Fall Sarrazin ist also noch nicht ausgestanden. Und bislang läuft es nur für ihn selbst prächtig. Die Auflage seines Buches hat mittlerweile die Viertel-Millionen-Grenze überschritten, kaum eine Talkshow kommt ohne "Thilo gegen den Rest der Welt" aus, Boulevard und Stammtische applaudieren. Die Politik dagegen sieht sich in die Rolle derer gedrängt, die den unerschrockenen Mahner attackieren, weil sie seine Mahnungen nicht widerlegen können. Dass diese Einschätzung Unsinn ist, dringt auch nach der x-ten Widerlegung seiner Thesen durch seriöse Wissenschaftler nicht durch. Die Legende ist geboren. Die, welche insgeheim längst ähnliche Gedanken hegten, applaudieren nun befreit. Endlich redet einer Klartext. Es sind erschreckend viele, die so denken.

Dass die Diskussion aus dem Ruder laufen würde, war absehbar. Politik und Medien tappen mit ihrer aufgeregten Kurzatmigkeit immer wieder in die Falle von geschickten PR-Strategen. Gespeist mit einigen Vorabdruckhäppchen und gekitzelt durch zugespitzte Zitate, läuft dann eine Empörungsmaschinerie an, die dem Provokateur erst jene Wichtigkeit beschert, die man dann beklagt. Und je schriller die Diskussion wird, desto stärker setzt sie die Kritiker unter Handlungsdruck.

Im Falle Bundesbank war die Entscheidung zwar trotzdem folgerichtig und zwingend, beim beabsichtigten Parteiausschlussverfahren dagegen fährt die SPD einen riskanten Kurs. In Volksparteien, und als solche fühlen sich die Sozialdemokraten ja noch immer, muss Integration und Überzeugungsarbeit vor Ausgrenzung und Disziplinierung stehen. Politische Debatten, so abstrus sie sein mögen, lassen sich nicht durch Machtworte beenden. All jene, die mit guten Gründen der Überzeugung sind, dass Deutschland in einem besseren Zustand ist als Sarrazin in seinem Zerrbild behauptet, müssen dem Untergangspropheten durch beharrliche Argumentation und konsequentes politisches Handeln den Wind aus den Segeln nehmen. Müssen ihn widerlegen, nicht bannen. Denn erst als Verstoßene vermögen Leute wie Sarrazin jene Faszination zu entfalten, die sie gefährlich machen könnte. Als zornige alte Männer verlieren sie dagegen rasch an Anziehungskraft. Die SPD sollte sich deshalb ihr weiteres Vorgehen gut überlegen. Aber wahrscheinlich ist die Dynamik schon zu groß, um ohne Parteiausschluss einfach zur Tagesordnung übergehen zu können.

Autor: Thomas Hauser