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27. Juli 2012

Exzellenzinitiative

Uni Freiburg: Was die Politik von der Gutachterkritik hält

Welche Aussagekraft hat das Ergebnis der zweiten Exzellenzinitiative über die tatsächliche Qualität der Universitäten?.

Für Göttingen hatte Bundeswissenschaftsministerin Annette Schavan (CDU) Trost bereit, nachdem dort wie in Freiburg der inoffizielle Elitetitel der Exzellenzinitiative verloren war: "Diese Uni gehört zu den herausragendsten Universitäten in Europa", wird sie im Göttinger Tageblatt zitiert. Ebenso wenig um das negative Gutachterurteil schert sich Niedersachsens Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU): Göttingen sei eine der deutschen Universitäten, die international am sichtbarsten sei. Folgerichtig versprach sie, die Hochschule könne mit der Hälfte der erhofften Exzellenzförderung rechnen – 30 Millionen Euro für fünf Jahre von der Volkswagenstiftung.

So tritt die Politik Gutachten in die Tonne, die internationale Wissenschaftler geschrieben haben. Hat das Ergebnis dieses Wettbewerbs also im Einzelfall keine Aussagekraft über die tatsächliche Qualität einer Hochschule? Die Reaktionen der Politikerinnen legen dies nahe. Damit ist der Wettbewerb selbst nicht entwertet, der in fast allen Universitäten eine erstaunliche innere Dynamik ausgelöst hat, insbesondere bei denen, die in der ersten Phase der Exzellenzinitiative in den Genuss der Milliardenförderung gekommen sind.

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Von diesem Erfolg berichtet sogar das sonst negative Gutachten über das Freiburger Zukunftskonzept: Da wird der Aufbau des Freiburg Institute for Advanced Studies (Frias) gelobt, seine weltweite Reputation, die erstklassige Wissenschaftler angelockt habe. Und überhaupt besteht an der Qualität von Wissenschaft und Forschung an der Universität kein Zweifel.

Doch die Gutachter der Exzellenzinitiative wollten diesmal, anders als ihre Kollegen vor fünf Jahren, keinen wissenschaftlichen Leuchtturm namens Frias, sondern einen Motor gleichen Namens, der die ganze Universität antreibt. Davon war in der Ausschreibung durch Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft nicht die Rede. Zudem hatte sich das Gutachterteam vom Januar 2012, angeblich das kritischste in allen fünf beteiligten Universitäten Baden-Württembergs, das angelsächsische Universitätssystem zum Vorbild genommen, mit einem starken Chef, der über Fakultäten und Berufungen verfügen kann, der sich nicht nach den Vorgaben deutscher Hochschulgesetze und deutscher Hochschulbürokratie richten muss. So wurde Freiburg vorgeworfen, hier werde starr die Habilitation verlangt, obwohl es viel ebenere Wege zum Professor gebe. Die Habilitation steht aber als Regelfall (mit Ausnahmen) im Landeshochschulgesetz.

Nun kennt man das Gutachten nur in der wenig exzellenten Zusammenfassung durch den Wissenschaftsrat. Doch auch dem hätte auffallen müssen, dass hier manche Kritik am deutschen Hochschulsystem an Freiburg abgearbeitet wird. Zu dieser Frage war keine Stellungnahme aus dem Wissenschaftsrat zu erhalten; dessen Vertreter sind für den Herbst zur Diskussion nach Freiburg eingeladen.

Keine

Exzellenzruinen

In Göttingen hadert man ebenfalls mit den Gutachtern – und hält am abgelehnten Konzept fest. Allerdings gibt es gegen ein zentrales Projekt, ein Museum, nun Widerstand der Professoren. In Freiburg hält man dagegen (inzwischen) einvernehmlich an Frias fest. Dazu hatte die entscheidende Gemeinsame Kommission der Exzellenzinitiative auch geraten, nachdem sie die Förderung des Zukunftskonzepts gestrichen hatte – ein ziemlich zynisches Vorgehen, wie man in Freiburg meint. Die Finanzhilfe des Landes ist noch nicht konkret, aber wohl sicher; Unterstützung wird auch vom Bund erwartet, hat der doch versprochen, es werde keine Exzellenzruinen geben.

Das hilft den betroffenen Hochschulen sicher entschieden weiter als Gutachterschelte. Dennoch ist festzustellen, dass gerade in der dritten Förderlinie des Exzellenwettbewerbs – Zukunftskonzepte – viel gutachterliche Willkür steckt. Kein Wunder, denn anders als den Graduiertenschulen und Forschungscluster, den beiden anderen Förderlinien, gibt es keine Kriterienkataloge, vor allem aber keine Routine in der Bewertung. Landeswissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) räumt denn auch ein, dass die Beurteilung dieser beiden Förderlinien objektiver sei als die der Zukunftskonzepte. Zu Recht hat sie darauf hingewiesen, dass ein Erfolg in den finanziell fast ebenso gut ausgestatteten Forschungsclustern wohl so viel wert sei wie einer bei den Zukunftskonzepten – die als Imagefaktor vielleicht überschätzt seien.

Wo Willkür in den Kriterien herrscht, werden zudem Zweifel geweckt, nämlich ob nicht doch wissenschaftsfremde Kriterien – etwa (der gegenüber der Runde von 2007 deutlich zurechtgerückte) Regionalproporz – in der Entscheidung eine Rolle gespielt haben. Dafür müsste die Politik gar nicht erst eingreifen – nach dem Eklat der ersten Runde, wo der Süden ein brutales Übergewicht hatte, könnte auch vorauseilender Gehorsam der Wissenschaftler am Werk gewesen sein.

Autor: Wulf Rüskamp