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22. Juli 2009 08:19 Uhr

Freunde in der ganzen Welt

Verderben die neuen Medien unsere Jugend?

Die düstere Befürchtung ist vermutlich so alt wie die Menschheit: Neue Medien und die von ihnen verbreiteten Inhalte, so der Stoßseufzer besorgter Pädagogen und Sittenwächter, verdürben die Jugend und früher sei sowieso alles besser gewesen.

  1. Hier werden Kontakte geknüpft: Beispielseite von StudiVZ. Foto: Screenshot

Erst waren es die Liebesromane, dann das Kino, dann die Negermusik aus dem Radio, dann der Rock ’n’ Roll vom Plattenspieler, dann das Fernsehen; und heutzutage sind es – natürlich – der PC, die Spielkonsole und das Internet, in seiner aktuellsten Spielart das Web 2.0. Und wieder ist die Sorge groß. Genährt wird sie durch die so spektakulären wie singulären Taten jugendlicher Amokläufer – Robert Steinhäuser in Erfurt, Tim K. in Winnenden: Beide hatten, wie Hunderttausende andere männliche Heranwachsende, die niemals zu Waffen greifen werden, viele Stunden mit sogenannten Killerspielen am Computer verbracht. Vor sechs Wochen noch zeigte sich der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech, ein konsolenferner Christdemokrat, felsenfest davon überzeugt, dass "durch den intensiven Konsum solcher Spiele die Hemmschwelle sinkt und die Psyche der jungen Menschen negativ beeinträchtigt wird". Auf ein Verbot großkalibriger Schusswaffen will man indes bis auf weiteres nicht dringen.

Junge Menschen kommunizieren im Internet so intensiv wie niemals vorher

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Sind die Jungen von heute die seelen- und kommunikationsgeschädigten Erwachsenen von morgen? Vereinsamen die (vorwiegend männlichen) Jugendlichen vor dem Computer, bis sie vor lauter unterdrückter Aggression nicht mehr wissen wohin? Ersetzen die virtuellen Welten der Fantasy Games die realen? Weiß bald kein Kind mehr, wie ein Baum sich "in echt" anfasst oder eine Blume riecht? Macht Kicken am PC schon mehr Spaß als Kicken auf dem Platz? Verkümmern auf die Dauer die motorischen Fähigkeiten beziehungsweise beschränken sie sich auf das Handling des Controlers?

Gemach. Bevor man wieder einmal die kulturpessimistische Verfallsgeschichte erzählt, sollte man genauer hinschauen, wie Heranwachsende die neuen Medien nutzen. Und dann wird man wird schnell feststellen, dass von Kommunikationsverarmung keine Rede sein kann. Im Gegenteil. Nie haben junge Menschen so viel kommuniziert wie heute. Das Netz und seine Plattformen bieten buchstäblich endlose Möglichkeiten, in Kontakt zu treten. Das reicht vom Chatten mit den engsten Schulkameraden, meist um sich später noch "live" zu sehen und etwas zu unternehmen, über die sehr erweiterten Freundeskreise auf Plattformen wie SchülerVZ bis zum Kontakt in Foren, in denen man für spezielle Interessen und ausgefallene Hobbys Gleichgesinnte zum Erfahrungsaustausch finden kann. Heute ist es ja kein Problem, Kumpels in der ganzen Welt zu suchen und auch zu finden. Ob man sich jemals Aug’ in Aug’ gegenüberstehen wird, ist dabei selbstredend zweifelhaft.

Ein munteres Hin und Her in der Clique

Sicher fördert das Internet die Anonymität und die Camouflage. Der Kontakt bleibt in vielen Fällen seltsam körperlos. Wer sich virtuell unterhält, muss ohne die direkten gestischen und mimischen Reaktionen des Gegenübers auskommen. Er muss sich ihm viel weniger stellen. Meistens hat man es im Netz aber auch nicht nur mit einem Kommunikationspartner zu tun – wie am Handy, das bei Jugendlichen als primäres Kommunikationsmedium (wenn man nicht gerade verliebt ist) schon wieder out zu sein scheint. Es ist vielmehr ein munteres Hin und Her in der Clique; eine private Konferenzschaltung sozusagen. Dabei kommt es in erster Linie auf die spontane Reaktion an – weswegen die Mündlichkeit imitierenden Gesprächsbeiträge mit rasender Schnelligkeit in die Tastatur gehämmert werden und so kaum den Vorstellungen einer elaborierten Ausdrucksweise entsprechen. Da sträuben sich dem orthografisch korrekten Erwachsenen die Haare. Eine sprachliche Verarmung im Kommunikationsverhalten diesseits des Netzes konnte gleichwohl noch nicht beobachtet werden.

Dass PC und Internet die Verhaltensweisen von Jugendlichen in einem Ausmaß verändern, dessen Auswirkungen nicht absehbar sind, steht außer Frage. Dass deren Entfaltungsmöglichkeiten geringer wären als früher, als die Welt angeblich noch in Ordnung war, lässt sich nicht behaupten. Die Welt ist unüberschaubar geworden. Das mag man bedrohlich finden. Doch durch das Netz öffnen sich Horizonte, die faszinierend sind. Die Jungen wachsen dort hinein.

Hintergrund: Schärfere Waffen gegen Killerspiele
Mehr als nur cool: Warum Selbstdarstellung im Netz oft wichtiger ist als Selbstschutz

Autor: Bettina Schulte