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13. Januar 2015

Tagesspiegel

Von Charlie lernen

Trauer und Entsetzen schieben Konflikte vorübergehend in den Hintergrund. Die Welt scheint einiger als sie ist. Gelöst ist freilich nichts. Und bei weitem nicht alle, die heute Charlie sein wollen, wären von den Opfern der Pariser Attentate als Ihresgleichen akzeptiert worden. Schon gar nicht die Anhänger von Pegida. Aber nichts scheint absurder als ein Streit darüber, wer nun das Recht hat, um die Journalisten, die Polizisten oder die Juden zu trauern, die von islamistischen Schlächtern bestialisch ermordet wurden. Man sollte Pegida freilich auch nicht die Gelegenheit geben, so zu tun, als repräsentierten sie eine Mehrheit. Öffentliche Trauer, Solidaritätsdemonstrationen werden noch eine ganze Weile sein müssen. Sie helfen, mit dem Unfassbaren fertig zu werden und dem Terror die Stirn zu bieten. Der Zeit der trotzigen Trauer wird jedoch der Alltag folgen. Der, so hört man allenthalben, könne nicht mehr so sein wie vorher. Doch heißt das nur, dass wir uns künftig noch stärker einigeln, die Gesetze verschärfen und Freiheitsrechte zur Disposition stellen? So wie das vorübergehende Karikaturenverbot für die Demonstranten gestern in Leipzig. Oder trauen wir uns, der blindwütigen Todessehnsucht der Terroristen eine offene Gesellschaft entgegenzustellen, die tolerant um jeweils beste Lösungen ringt, die ihre Werte lebt, nicht nur predigt? Und die Gegner dieser Freiheit rechtsstaatlich bekämpft, egal aus welcher Ecke sie kommen? Die Nagelprobe wartet – nach der Trauer.

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Autor: Thomas Hauser