Missbrauch

Das Festhalten am Zölibat der Priester ist heute nicht mehr zeitgemäß

Peter Spönlein, Theologe

Von Peter Spönlein, Theologe (Waldkirch)

Mo, 01. Oktober 2018

Leserbriefe

Zu: "Burger bekennt sich zur Schuld der Kirche", Agenturbeitrag (Politik, 19. September)

Anlässlich der bundesweiten Studie zum Kindesmissbrauch durch Geistliche bekennt sich der Freiburger Erzbischof Burger zu der "Schuld der Kirche, die sie nicht leugnen, die sie nicht abschütteln kann". Aber sein Bekenntnis bleibt letztlich ein Lippenbekenntnis, weil es nicht auf den wahren Grund dieser Schuld eingeht: Der Kindesmissbrauch durch Geistliche ist letztlich eine krankhafte Reaktion auf die Ehelosigkeit.

Das Festhalten an der Ehelosigkeit der Priester ist in der heutigen Zeit ein Versagen der Kirche an ihrem ursprünglichen Auftrag der Heilung und Heiligung aller Bereiche des Lebens: Gott hat nicht den Zölibat eingesetzt, sondern die Liebe zwischen Mann und Frau als sein "Abbild", denn "Gott ist Liebe". Im Unterschied zu dem dogmatisch und amtlich verfassten Kirchentum aus der Zeit der Antike steht heute das Christentum vor völlig neuen Herausforderungen und Aufgaben, die sich allein an der ursprünglichen Botschaft des Jesus von Nazareth orientieren: An der einzig sinnvollen und erlösenden Orientierung des menschlichen Lebens in der Liebe zu Gott, dem "Vater" allen Lebens, und zum Mitmenschen als Bruder und Schwester; allein aus diesem elementaren Grundgesetz der Liebe kann das "Gottesreich" der Heilung allen Lebens und des Friedens entstehen.

Daraus ergibt sich für das Christentum in der heutigen Zeit die Aufgabe, die Menschen einzuladen zu einer spirituellen und praktischen Lebenskunde zur Gesundung und Heiligung aller Lebensbereiche, zur Einübung in unsere elementaren Lebensbeziehungen zu Gott, Mensch und Schöpfung. Die Beziehung zwischen Mann und Frau leidet heute ebenso wie alle Lebensbereiche in unserer Gesellschaft an einer schweren pathologischen Entfremdung vom Leben.

In dieser allseitigen Not des Lebens den Menschen durch eine ganzheitliche Bildungsarbeit spirituelle und praktische Wege zur Gesundung und Heilung aller Bereiche des Lebens anzubieten, darin besteht heute die zentrale Aufgabe des Christentums. Der Zölibat ist darum heute nicht mehr zeitgemäß, er ist letztlich eine Ausflucht vor dieser neuen Herausforderung des Christentums in unserer Zeit. Peter Spönlein, Theologe, Waldkirch