Gerhard Schröder

Die Entrüstung steht auf wackligen Beinen

Prof. Dr. Uwe Pörksen, Freiburg

Von Prof. Dr. Uwe Pörksen & Freiburg

Fr, 13. Oktober 2017

Leserbriefe

Zu: "Schröder: Meine Privatsache", Agenturbeitrag (Politik, 30. September):

Als Gerhard Schröder den Vorsitz im Aufsichtsrat des mächtigsten Energiekonzerns Russlands angenommen hat, war dem Altkanzler sicher nicht verborgen, dass dies nicht nur eine Privatsache sei. Ist es nicht geradezu ein Glücksfall, dass ein hochbegabter deutscher Politiker, der seit seiner Regierungsperiode mit Russlands Staatsoberhaupt in freundschaftlicher Verbindung steht und sich weiterhin als festes Mitglied seiner Partei in der Bundesrepublik bekennt, ein solches Amt übernimmt? Wir erleben seit zwei, drei Jahren eine sukzessive Rückkehr des "Kalten Krieges" unter erheblicher Beteiligung des Westens. Sollte sich das gefährlich zuspitzen, wäre da eine solche Brücke nicht ein willkommener Zufall?

Ist Schröder in seiner Rolle nicht zugleich eine mögliche Adresse, über die sich ökonomische Beziehungen in größerem Maßstab entwickeln können, wie sie für Putin bei dessen Regierungsantritt sein fundamentales Programm waren: eine Hoffnung, die von westlicher Seite enttäuscht und durch die Strafe der Sanktionen unterbunden wurde. Nicht zuletzt dieser Tatbestand hat eine alte Feindschaft und die gemeinschaftliche Erinnerung des Volkes an die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs dann wieder hervorgeholt.

Kanzler Schröder hat 1999 die Beteiligung der Bundeswehr an dem Kosovokrieg entschieden, nachdem die vorangehende Regierung mit Genscher bereits Abspaltungen auf dem Balkan anerkannt hatte. Es gab dafür starke Gründe. Auch für Russlands Annexion der Krim gab es achtbare Gründe, auch hier sähe die völkerrechtliche Überprüfung vermutlich kaum anders aus. Aber die hochmoralische Entrüstung steht auf wackligen Beinen und die politische Intelligenz auf keinen.Prof. Dr. Uwe Pörksen, Freiburg