Bildung

Es fehlt an Konzepten, Visionen, Schulen und einem Heer von Lehrern

Prof. Dr. Edmund Kösel, Bahlingen

Von Prof. Dr. Edmund Kösel & Bahlingen

Mi, 14. Februar 2018

Leserbriefe

Zu: "Wenn Eltern bremsen", Beitrag von Wulf Rüskamp (Politik, 30. Januar)

Jedes Jahr das gleiche verlogene Lied, das da heißt: Bildungsnotstand, Bildungsdefizite, Bildungsmittelmaß. Alle Parteien haben mal wieder Bildung zum Motor für Wohlstand, Innovation und Fortschritt erklärt. Das Wort Bildung leuchtet wie der hellstrahlende Mond, aber nach den Wahlen ist wieder Neumond, und es ist nichts mehr zu sehen.

Seit 1959 bin ich im Bereich Bildung tätig: Lehrer in München, Forschungsassistent an der Uni in München, Aufbau des Lehrerkollegs beim BR. Professor für allgemeine Didaktik und Schulpädagogik in Freiburg. Das Geschwätz über Bildungsmisere kenne ich seit über 60 Jahren.

Erziehungswissenschaftler haben nahezu alles getan, den Leistungsstand der Schüler zu messen. Sie haben sich aber kaum darum gekümmert und auch politisch vertreten, wie eine postmoderne staatliche Lernkultur aussehen könnte und wie man die alten Bewusstseinsstrukturen der Eltern und Politiker ändern könnte. Die Autoren vom 30. Januar haben eine gründliche Beschreibung des Istzustandes geliefert. Sie haben aber nicht die tieferen Ursachen dieser Misere aufgezeigt.

Nach wie vor ist die deutsche Bildung auf dem Dreiklassensystem aufgebaut. Und zwar in den Kinderhorten, Kindergärten, in der Schule und in der beruflichen Bildung, Hochschulen und Lehrerbildung.

Das Bildungssystem ist auf Leistung und Selektion festgelegt. In den Schulen herrscht das neurotisierende "Besser": Wer den Anforderungen einer anonymen Lehrplankommission, der Lehrer und der Tests nicht entspricht, ist stigmatisiert und im Gehirn zum Schlechteren "programmiert." Die Dreiklassengesellschaft organisiert dann für die "Schlechteren" alle möglichen Kompensationsprogramme. Dabei wird vergessen, dass die frühe Programmierung der schulischen Leistung kaum noch zu ändern ist. Das sagen die Ergebnisse der Hirnforschung.

Viele Eltern haben keine Chance, ihre Kinder in Liebe und Geborgenheit zu erziehen, weil sie selbst einen Lebenskampf führen müssen. Die Folge: Unsicherheit und Angst in der Familie, auch gegenüber den Kleinen.

Es fehlen moderne, gut ausgebaute Schulen, es fehlt ein Heer von Lehrern, es fehlen moderne Konzepte einer für jungen Generation förderliche Lernumgebungen, es fehlen wohlwollende Eltern und Politiker, die nicht nur fromme Sprüche klopfen, sondern aktive Hilfe zur Verbesserung der Schulen beitragen, es fehlen Visionen der Erziehungswissenschaftler für eine Umstrukturierung des Bildungssystems, und wir haben ein Übermaß an bürokratischen Regeln im Bildungssystem.

Warum ist Bildung bei den Parteien im Wahlkampf so wichtig und dann plötzlich in der Finanzierung und Umstrukturierung so unwichtig und so katastrophal? Wir lieben die junge Generation nicht, wir beuten sie schon früh aus!
Prof. Dr. Edmund Kösel, Bahlingen