Tierschutz

Mehr Kontrolle durch mehr Veterinär-Fachpersonal könnte es seit Jahrzehnten geben – wenn man es wollte

Bernd Rottenecker

Von Bernd Rottenecker (Hohberg)

Mo, 21. Januar 2019

Leserbriefe

Zu: "Kameras in Schlachthöfen", Beitrag von Bernhard Walker (Wirtschaft, 9. Januar)

Die 2002 im Artikel 20a des Grundgesetzes eingefügte Bestimmung, die den Staat und seine Organe auf den Tierschutz verpflichtet, wirkt wie blanker Zynismus angesichts der im BZ-Artikel beschriebenen Zustände in zwei niedersächsischen Schlachthöfen. Dass Kühe zur Schlachtung mit Seilwinden über den Boden gezogen oder mit spitzen Gegenständen malträtiert werden, ist massive Tierquälerei und müsste eigentlich die Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen.

Es ist erschreckend zu sehen, wie gleichgültig die politisch Verantwortlichen in Berlin und besonders die Vertreter der beiden christlichen Parteien im Bundestag angesichts so dramatischer Verstöße gegen das Tierwohl agieren. Jahrzehntelang stellten diese die Agrarminister, und genauso lange sehen diese tatenlos dem zu, was sich in deutschen Ställen und Schlachthöfen abspielt. Gewiss nicht überall, aber an vielen Orten.

Die Agrarlobby rennt bei Kanzlerin Merkel mit ihren Forderungen offene Scheunentore ein. Überhaupt wird selbst zaghafteste Kritik an den Machenschaften der Agrarindustrie in den Schlachthöfen und den Ställen der Massentierhaltung mit massiven Gegenattacken geahndet. Das musste vor etwa zwei Jahren Barbara Hendricks, die SPD-Umweltministerin der vorherigen Groko, erleben. Sie wagte nämlich, auf die gravierenden Missstände in der Massentierhaltung mit so harmlosen Reimen wie "Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein" aufmerksam zu machen. Und schon schäumten Bauernpräsident Joachim Rukwied und der damalige CSU-Agrarminister Christian Schmidt vor Empörung.

Das System der Massenschlachthöfe, in denen täglich Zehntausende Tiere im Akkord von minder bezahlten und ausgebeuteten osteuropäischen Arbeitern getötet und zerlegt werden, bedingt geradezu diesen brutalen Umgang mit Tieren und deren Degradierung zur Ware. Dass Frau Otte-Kinast (CDU), die Agrarministerin von Niedersachsen, jetzt nach mehr Kontrollen ruft, ist allein der Tatsache geschuldet, dass in diesem Jahr noch vier Wahlen anstehen. Mehr Kontrolle durch mehr Veterinär-Fachpersonal könnte es schon seit Jahrzehnten geben – wenn man es wollte.Bernd Rottenecker, Hohberg