Jesiden

Nadia Murad ist ein Vorbild für unsere Schülerinnen und Schüler geworden

Bernd und Hiltrud Hainmüller

Von Bernd & Hiltrud Hainmüller

Fr, 12. Oktober 2018

Leserbriefe

Zu: "Kampf gegen sexuelle Gewalt", Agenturbeitrag (Politik, 6. Oktober)

Das Jesidenschutzprogramm darf nicht eingestellt werden. Die IS-Verbrecher müssen vor einem Internationalen Strafgerichtshof zur Rechenschaft gezogen werden.

Hätte man uns vor drei Jahren gefragt, was Jesiden sind, hätten wir keine Antwort gewusst. Seit November 2015 haben wir in Freiburg zahlreiche jesidische Schüler/innen unterrichtet, die kurz zuvor mit dem "Sonderkontingent für besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak" des Landes Baden-Württemberg angekommen waren. Jetzt haben unsere jesidischen Schüler/innen mit großer Freude die Nachricht von Nadia Murads Friedensnobelpreis aufgenommen – ein Verdienst ihrer mutigen Schritte, in den letzten drei Jahren die Wahrheit über den Völkermord an ihrem Volk im August 2014 öffentlich zu machen und ihre eigenen grauenhaften Erfahrungen als Gefangene des IS zu schildern. Nadia Murad ist in dieser Zeit das Vorbild für die Hoffnung unserer Schüler/innen geworden, dass die Welt nach diesem Genozid im Sindjar-Gebirge nicht mehr wegschauen kann, darf und will. Was Nadia Murad durchgemacht hat, haben die meisten unserer Schüler/innen ebenso erlebt.

Während die meisten anderen Bundesländer sich wegduckten, hat die Landesregierung unter Winfried Kretschmann das Jesiden-Schutzprogramm im März 2015 aufgelegt, durch das rund 1100 Jesidinnen (darunter rund 600 Kinder) – auch Nadia Murad und unsere Schüler/innen – aus dem Flüchtlingslager Dohuk ausfliegen konnten. Besonderer Dank muss Jan Ilhan Kizilhan und seinem Team aus Donaueschingen gelten, der die Menschen bis heute therapeutisch betreut und als Kenner zweier Welten in Dohuk im Nordirak ein Institut für Psychotherapie und Traumatabehandlung aufbaut, das ebenfalls vom Land unterstützt wird.

Wir haben im Unterricht oft erlebt, wie dringend notwendig die Traumaverarbeitung ist und für viele bleiben wird. Darüber hinaus brauchen die betroffenen Frauen und ihre Familien noch viele Jahre jede Art von Unterstützung. Es geht um Probleme wie eigener Wohnraum, schulische Hilfen, Vermittlung beruflicher Perspektiven, medizinische Versorgung und therapeutische Begleitung. Hier waren in Freiburg bereits viele Betreuer in den geschützten Unterkünften, viele ehrenamtliche Helfer, Lernpaten und professionelle Therapeuten in den letzten drei Jahren unterstützend tätig. Aber es muss weitergehen.Bernd und Hiltrud Hainmüller, ehemalige Lehrer an der Walther-Rathenau-Gewerbeschule, Freiburg