Integration

Wer kann so unsere demokratischen Werte schätzen lernen?

Christine Ableidinger-Günther

Von Christine Ableidinger-Günther (Steinen)

Sa, 11. August 2018

Leserbriefe

Zu: "Geteiltes Leid", Beitrag von Ann Esswein (Magazin, 4. August)

Vielen Dank an Frau Esswein für diesen ausführlichen und behutsamen Artikel, der allen aus dem Herzen spricht, die Kontakt zu Geflüchteten haben und verschiedene Lebensgeschichten kennen. So oft sehen wir die Angst und die Unruhe in ihren Gesichtern, die damit einhergehen, dass sie geflüchtete Familienmitglieder in der Türkei, im Libanon oder Palästina zurückgelassen haben – in dem Glauben, die Trennung werde nicht lange dauern.

Doch dann befindet eine Regierung, dass es der Integration förderlicher sei, wenn die Familie nicht käme. Das Warten und die Sorgen beginnen, die Odyssee zwischen verschiedenen Ämtern, immer mehr Papiere, die besorgt werden müssen, und schließlich doch weiteres Warten – jahrelang.

Wir sehen Leute, die langsam an Energie verlieren, die sich auf nichts konzentrieren können, die depressiv werden. Ärztliche Behandlung ist wegen der Sprachschwierigkeiten schwer zu bekommen, und eigentlich müsste der Arzt ja "Familienvereinigung" auf das Rezept schreiben, nicht Schlafmittel oder Angstlöser.

Bei jeder Gelegenheit zu betonen, (vermutlich zur Beruhigung der vielen Bürger von Herrn Seehofer, die ständig besorgt sind) dass Geflüchtete mit subsidiärem Schutz in ihr Land zurückgeschickt werden, sobald sich dort die Lage beruhigt hat, gleichzeitig die Familienzusammenführung möglichst zu bremsen – wer kann denn da noch frohgemut Deutsch büffeln und im Integrationskurs unsere demokratischen Werte schätzen lernen?

Seit Jahren hören wir Deutschen, es mangele uns an Kindern, an Nachwuchs, der die leeren Arbeitsplätze besetzt und Rentenbeiträge zahlt, und nun, da Familien mit mehreren Kindern und Jugendlichen einreisen möchten, gilt dies als integrationsgefährdend. Natürlich werden wir aus der Elterngeneration manche sehr lange unterstützen müssen, denn Umschulungen gestalten sich oft schwierig oder gar unmöglich.

Aber ihr Kapital sind die Kinder. Sie können hier ihren Platz finden, Berufe erlernen und die Überalterung der Gesellschaft bremsen, vor der immer gewarnt wird. Integriere dich, aber geh bald wieder und bringe schon gar nicht deine Leute mit. In der Psychologie nennt man dies eine klassische "double bind"-Situation, bei der ein Mensch zwei einander widersprechende Botschaften erhält. Dauert eine solche Situation länger an, kann sie krank machen.
Christine Ableidinger-Günther, Steinen