Zivilisation

Wir müssen "gutes Leben" anders denken

Götz Weiß

Von Götz Weiß (Schopfheim)

Fr, 07. September 2018

Leserbriefe

Zu: "Wir müssen Vorbild sein", Interview mit Winfried Kretschmann von Roland Muschel (Politik, 16. August)
Das Projekt menschliche Zivilisation scheint gegen die Wand zu fahren. Erstens steigt die Bevölkerungszahl. Zweitens spukt die Idee in den Köpfen vieler Ökonomen und Staatslenker herum, auch in Schwellenländern und "ärmeren" Staaten den materiellen Standard der Industrieländer zu erreichen. Drittens haben Wirtschaftswachstum und Vermögensvermehrung oberste Priorität.

Dem liegen durchaus ehrenhafte Werte zugrunde: etwa die Freiheit in der familiären Lebensgestaltung, Bemühung um Gleichheit des Wohlstandes aller und das Recht auf Streben nach (materiellem) Fortschritt und Weiterentwicklung.

Es entsteht angesichts des ökologischen Dilemmas die Frage, ob diese Werte noch zu halten sind: ob etwa Freiheitsrechte an ihre Grenzen stoßen, weil sie die Freiheit vieler anderer gefährden. Ob das Recht auf gleichen Wohlstand geändert werden sollte zu einem Recht auf angemessene Lebenszufriedenheit, das nicht unbedingt Auto, Smartphone, Hummer und Jetreisen beinhalten muss. Und schließlich, ob die Idee des ewigen Wachstums von der materiellen Ebene weggeführt werden kann auf eine geistig-seelische. Hier liegt meines Erachtens das aller größte und wichtigste Potenzial.

Der materielle Verzicht muss durch Gewinn an Lebensfreude durch intensivere Wahrnehmung des Einfachen "ersetzt" werden. Verzicht ist also die richtige Richtung, aber Verzicht wird nicht funktionieren, wenn nicht ein Gewinn in Aussicht steht. Dieser könnte eine Steigerung des positiven Lebensgefühls durch eine veränderte Wertung und Wahrnehmung des Verbleibenden sein. Konsum als Daseins-Dope sollte einer strengen Entwöhnung unterzogen werden.

Rein technische und meist nur regional/national wirksame und auf einzelne Problemfelder bezogene Maßnahmen können das globale und "ideologisch" fundierte Dilemma nicht lösen. Wir müssen "gutes Leben" anders denken.

Götz Weiß, Schopfheim