Diese Zimmerei verpackt alles

Ulrike Derndinger

Von Ulrike Derndinger

Sa, 22. September 2018

Meißenheim

BETRIEBSPORTRÄT: Die Firma Jägle aus Kürzell ist Spezialistin für Exportverpackungen und vergrößert sich am neuen Standort.

MEISSENHEIM-KÜRZELL. Um die Jahreswende plant die Zimmerei Jägle, ins Gewerbegebiet Dreschschopf umzuziehen. Ein großer Schritt: Die Kürzeller Firma investiert vier Millionen Euro in den neuen Standort, weil die alten Räume zu eng geworden sind.

Vom Drei-Mann-Betrieb zur Zahl von 45 Mitarbeitern – vor 27 Jahren gründete der Zimmermeister Alexander Jägle (55) die Firma in der Allmannsweierer Straße, die seither enorm gewachsen ist. Das liegt auch an einer besonderen Dienstleistung: Die Zimmerei hat sich auf Exportverpackungen spezialisiert.

"Wir waren die dritte Zimmerei, die die Firma angerufen hat, die beiden davor hatten abgelehnt", erzählt Zimmerermeister Alexander Jägle vom allerersten Verpackungsauftrag. Ein Tunnelbohrmaschinenbauer war auf der Suche, wie seine zerlegten Bohrer sicher für den Transport verpackt werden könnten. Firmenchef Jägle nahm die Herausforderung an: "Die hatten keine Ahnung vom Verpacken und wir auch nicht. Daraus haben wir was gemacht", sagt er schmunzelnd.

Heute ist die Firma Jägle in diesem Bereich ein Profi. Zwischen Karlsruhe und Freiburg sei die Zimmerei die einzige mit diesem Wissen und Können, sagt Jägle. Der Kürzeller Betrieb hat auch schon Achterbahnen, Industriespülmaschinen, Motorräder oder Schnapsbrennanlagen verpackt.

Richtig einpacken will gelernt sein

Verpacken klingt leicht, ist es aber nicht, weiß Jägle. In Lehrgängen haben er und die Mitarbeiter gelernt, wie man sensible Technik verstaut, damit sie auf dem Transportweg nicht zerbricht oder rostet – wichtige Aspekte, wenn es durch raue See in die USA, nach China oder Australien geht. Es darf dabei nur Holz verwendet werden, das auf eine Kerntemperatur von mindestens 56 Grad Celsius erhitzt wurde: "Damit Schädlinge abgetötet werden", so Jägle. Zweites Standbein ist das Bauen. Dazu zählen energetische Dachsanierungen und Einfamilienhäuser. Die Hirtenhütte der evangelischen Kirche auf der Landesgartenschau stammt von der Firma. Ökologische Werkstoffe gehören zur Philosophie, gedämmt wird mit Zellulosefasern. Bauaufträge erhält Jägle, größter Handwerksbetrieb im Dorf, aus den Riedgemeinden. Das Holz, das verarbeitet wird, stammt aus der nahen Umgebung, zum Beispiel aus einem Sägewerk in Friesenheim. Angaben zum Firmenumsatz will Jägle keine machen.

Bald zieht die Firma ins Gewerbegebiet Dreschschopf um. Wo einst die "Europa-Farm" geplant war, steht die neue Werkshalle mit Aufenthaltsräumen und ein separates Büro- und Besprechungsgebäude. Nach dem Innenausbau folgt der Umzug, der um den Jahreswechsel abgeschlossen sein soll. Die Werkshalle hat eine Grundfläche von 3000 Quadratmetern. "Das Dach ist so groß wie das Gelände am bisherigen Standort", so Jägle. Eine Krananlage an der Decke kann 40 Tonnen heben, eine Fußbodenheizung hält die Halle mit Hackschnitzelwärme warm. Die neue Adresse lautet wie der Gewannname: "Auf dem Pfahl 2".

Das alles stemmt Alexander Jägle nicht allein. Seine Frau Silke und der 23-jährige Sohn Mika, für den jetzt die Zimmerer-Meisterschule beginnt, tragen die Vier-Millionen-Investition mit. Vom Land gibt es einen Zuschuss. 200 000 Euro kommen aus dem Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR). Landtagsabgeordnete Sandra Boser (Bündnis 90/Grüne) hat kürzlich die Zimmerei besichtigt.

Auf Familie und Mitarbeiter kann Alexander Jägle sich verlassen. Der Wechsel ist ihm zufolge gering. Seit der Gründung wurden 27 Zimmerer ausgebildet, davon wurden 18 übernommen. Auch für Jägle wird es schwieriger, Personal zu finden. Fürs gerade angelaufene Ausbildungsjahr gibt es keinen neuen Lehrling, fürs nächste immerhin einen Kandidaten. Das bisherige Firmengelände wird verkauft. Es gibt einen Interessenten, den die Jägles nicht genannt haben wollen.

Etwas wehmütig sind sie, die alte Heimat zu verlassen, aber froh, in der neuen Halle mehr Platz fürs Arbeiten und Lagern zu haben und das Wohngebiet zu verlassen. Zimmereiarbeiten können lärmintensiv sein. Ortsvorsteher Hugo Wingert ist ebenso zufrieden: "Es ist uns ein Anliegen, dass sich die Firma Jägle entwickeln kann."