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15. Januar 2016 12:09 Uhr

Selbstbewaffnung

Menschen in Südwesten stellen vermehrt Anträge für Kleinen Waffenschein

Immer mehr Bürger wollen Reizstoffwaffen in der Öffentlichkeit tragen. Die Zahl der Lizenzen steigt rasant. Das Vertrauen in die Polizei und den Rechtsstaat nach den Attacken ist teilweise erschüttert. Die Behörden sind besorgt. Was kann helfen?

  1. Wie sinnvoll sind Reizstoffwaffen? Foto: dpa

Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht gibt es in Stuttgart und anderen Orten im Südwesten eine Antragsflut zum Kleinen Waffenschein. Zurzeit würden täglich 10 bis 15 Anträge etwa für Schreckschuss- oder Reizstoffwaffen gestellt, sagte eine Sprecherin der Landeshauptstadt.

Jeder einzelne Fall werde geprüft. "Es ist nicht sinnvoll, dass sich Bürger vermehrt mit Waffen ausstatten", sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Waffen könnten bei ihrem Einsatz oder bei unsachgemäßem Gebrauch zum Teil erhebliche oder lebensbedrohliche Verletzungen hervorrufen.

"In Konfliktsituationen ist es besser, auf sich aufmerksam zu machen und die Polizei zu Hilfe zu rufen" Sprecher des Innenministeriums
Der Kleine Waffenschein ist die Erlaubnis zum verdeckten Führen von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen. Man muss dafür mindestens 18 Jahre alt sein, seine Zuverlässigkeit und die persönliche Eignung nachweisen - geeignet ist zum Beispiel nicht, wer geschäftsunfähig, psychisch krank oder Alkoholiker ist. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr im Südwesten 43 093 solcher Erlaubnisse, 2014 waren es 40.001. Die Bedenken bei den Behörden wachsen.

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Erfahrungen der Polizei zeigten laut einem Sprecher des Innenministeriums, dass Waffen und Gegenstände zur Selbstverteidigung oft gegen den eingesetzt würden, der sich schützen möchte. "Wenn Waffen in eine Konfliktsituation eingebracht werden, löst dies auch oft eine Gewalteskalation oder Schadensvergrößerung aus." Die Polizei empfiehlt deshalb, grundsätzlich keine Waffen und ähnliche Gegenstände zu tragen. "In Konfliktsituationen ist es besser, auf sich aufmerksam zu machen und die Polizei zu Hilfe zu rufen."

In Stuttgart gab es 2015 221 Anträge, von denen 167 zugestimmt worden sei, sagte die Sprecherin. 40 Fälle seien noch offen. Im Jahr 2014 gab es lediglich 68 Anträge. In Karlsruhe wurden im vergangenen Jahr insgesamt 145 (2014: 69) Kleine Waffenscheine erteilt. Im laufenden Jahr seien bisher acht erteilt worden, teilte ein Sprecher mit. Etwa 30 Anträge würden derzeit noch bearbeitet.

In Ulm wurden 2015 24 Anträge gestellt, 2014 waren es noch 17. "Aber was in den letzten beiden Wochen lief, ist schon fast ein explosionsartiger Anstieg", berichtete Rainer Türke, Abteilungsleiter Sicherheit, Ordnung und Gewerbe der Stadt Ulm. Seit den Übergriffen in Köln seien acht Anträge gestellt worden - und alle acht wurden bewilligt.

"Das Thema Einbruch wird konkret genannt, was in Köln gelaufen ist und sicher auch das Thema Terror", berichtete Türke. Die Mitarbeiter der Behörde sind besorgt. "Der Schuss geht nach hinten los", warnte Türke. "Wir weisen jeden Antragsteller darauf hin: Es bringt überhaupt nichts, um die eigene Sicherheit zu erhöhen. Es bewirkt in der Regel, dass die Aggressivität noch gesteigert wird."

Kriminalpsychologin warnt vor Selbstbewaffnung

"Eine Waffe kann eine kritische Situation verschärfen, weil sie den Angreifer möglicherweise provoziert", sagt die Kriminalpsychologin Katrin Streich. Außerdem seien Bürger nicht geübt, die Waffen richtig einzusetzen. "Wenn der Angreifer die Waffe entwindet, kann er sie zusätzlich einsetzen."

"Menschen versuchen dadurch, das Gefühl zurückzuerlangen, dass sie die Kontrolle haben. Aber das ist trügerisch. Es stimmt ja nicht, dass einem nichts passieren kann, nur weil man ein Pfefferspray dabei hat", sagte die stellvertretenden Leiterin des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, das Behörden und Unternehmen im Umgang mit Bedrohungen berät. Noch gefährlicher seien private Bürgerwehren. Patrouillen könnten Gefühle von Unsicherheit und Angst bei den Bürgern weiter verstärken, sagte Streich.

Vertrauen in die Polizei teilweise erschüttert

Streich beobachte, dass das Vertrauen in die Polizei und den Rechtsstaat nach den Attacken teilweise erschüttert sei, sagte Streich. Dagegen könne mehr Polizeipräsenz helfen: "Wenn Polizisten nun sichtbarer an Bahnhöfen oder bei Großveranstaltungen stehen, dann können sich die Menschen besser vorstellen, dass sie Hilfe bekommen."

Angstgefühle seien nach den Übergriffen grundsätzlich normal, erläuterte die Psychologin. Sie rate dazu, die Angst zuzulassen und mit anderen darüber zu sprechen. Besonders wirksam sei, sich eine Bedrohungssituation möglichst konkret vorzustellen: "Man sollte sich überlegen, was man dann tun kann. Man kann beispielsweise fliehen oder andere Passanten ansprechen." Es helfe, dass durch solche Gedanken eine diffuse Situation greifbar werde.

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Autor: dpa, epd