Magische Nacht der Farben und Klänge

Manfred Frietsch

Von Manfred Frietsch

Mi, 06. Juli 2011

Merdingen

Bei den Merdinger Kulturtagen gab es ein Konzert und Reisebericht zum Gnawa-Festival.

MERDINGEN. Die Nacht ist nicht zum Schlafen da, das gilt erst recht beim Gnawa-Festivals in Marokko. Ende Juni hatte es in der Küstenstadt Essaouira wieder Tausende in den Bann seiner Klänge gezogen. Längst werden dort außer der traditionellen Musik der Gnawa auch andere Stile gespielt. Auch Pop, Jazz- und Bluesinterpreten haben dieses Mekka der Weltmusik im Süden Marokkos schon mehr als einmal aufgesucht. Pionier war dabei einst kein Geringerer als Jimi Hendrix. Einige seiner unvergleichlichen Akkorde ließ auch Andreas Kirchgäßner kurz anklingen, als er bei den Merdinger Kulturtagen in der Zehntscheuer von "Lila" einer ganz besonderen Nacht berichtete.

"Lila", abgewandelt vom arabischen Wort "Leila" für Nacht, nennen die Gnawa, Nachfahren westafrikanischer Sklaven, ein nächtliches Ritual mit Geisterbeschwörungen. Zu diesem fand Kirchgäßner Zugang, zusammen mit Thomas Gundermann. Der Musiker aus München war mit dem Autor aus Merdingen schon mehr als einmal gemeinsam nach Marokko gereist. Gundermann spielte dort die altdeutsche Sackpfeife. Dieses Instrument wirkte wie ein Türöffner für die beiden Deutschen. Der durchdringende Ton und die schnellen Läufe auf der flötenähnlich zu spielenden Meldodiepfeife animierten viele der auch außerhalb der großen Festivalkonzerte spielenden einheimischen Musiker zum gemeinsamen Musizieren mit Gundermann. Auch vor den Besuchern der Kulturtage spielte Gundermann auf dem Instrument, immer im Wechsel mit dem Wortbeiträgen Kirchgäßners und den von diesem aufgenommenen Bandmitschnitten aus Marokko.

Ein jeder der sieben Geister hat seine eigene Farbe

Um die Zusage von Maalem Abdellah Guinea, einem der Gwana-Meister, zur Teilnahme an einer "Lila" zu bekommen war neben reichlich Kleingeld auch Geduld vonnöten gewesen. Kirchgäßners Worte und Gundermanns Klänge übertrugen geschickt diese erwartungsvolle Spannung auf die "sieben Farben der Nacht" in diesen Abend in der Merdinger Zehntscheuer. Einem jeden der sieben Mluk – der ganz im Abseits der reinen islamische Lehre stehenden Geister – ist eine Farbe zugeordnet. Entsprechende Gewänder und Tücher spielen eine entscheidende Rolle bei der Beschwörung. Die Musik, dazu die Hitze und Pfeifenrauch, sorgen für die Atmosphäre, in der sich vor allem einzelne Frauen in Trance tanzen. Ein Geist nach dem anderen sucht sich so einen Menschen, in den er fährt und in dessen in Erschöpfung endendem Tanz er sich Allen mitteilt.

Kirchgäßner gibt das Geschehen beschreibend in Worten wieder, die Tonaufnahmen lassen die Zuhörer noch näher teilhaben. Gundermanns, an mittelalterliche Spielleute erinnernde Sackpfeifenspiel schafft dann immer wieder Gelegenheit, das Gehörte in sich nachschwingen zu lassen. Erst Ende Juni waren die beiden wieder in Marokko gewesen. Kirchgäßner, der sich seit Jahren mit Nordafrika als Autor beschäftigt, findet hier ebenso Anregungen wie Gundermann, der aus dem Umkreis der Embryo-Musiker kommt, der legendären deutschen Musikergruppe. Diese machten sich selbst schon zu einer Zeit auf den Weg zu musikalischen Traditionen verschiedener Kulturkreise, als das Wort Weltmusik noch gar nicht erfunden war.

Info: Am Samstag, 9. Juli, tritt bei den Merdinger Kulturtagen um 20 Uhr in der Zehntscheuer "Öl des Südens" auf, Südbadens kleinster Männerchor.