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15. April 2016

Versteckspiel fürs Betrachterauge

In der Ausstellung "Mit Füßen und Mimik" zeigt Elisabeth Zeller beim Merdinger Kunstforum Arbeiten, die zum Suchen anregen.

  1. Gute Laune herrschte während der Vernissage bei Kunsthistorikerin Paula Michalk mit Michaela Girsch vom Kunstforum und Künstlerin Elisabeth Zeller (von links). Foto: Steckmeister

MERDINGEN. "Zwischen Körper und Raum" heißt die thematische Überschrift des Merdinger Kunstforums für das Jahr 2016. Körper im Raum – und nicht nur die der zahlreichen Vernissage-Gäste – gibt es derzeit im Haus am Stockbrunnen zu sehen. Diese allerdings wollen auf ihren Hartfaserplatten erst einmal gefunden sein, denn Elisabeth Zeller hat den auf das hölzerne Material gebrachten Fotografien von Menschen ihren eigenen Stempel aufgedrückt, diese mit Spachtel, Pinsel und Stiften mehr oder weniger versteckt.

Über viele neue und junge Gesichter freute sich die Kunstforumsvorsitzende Michaela Girsch am Sonntagmorgen. Auch die zweite Ausstellung des Jahres wird von einer ausgesprochen jungen Künstlerin bestritten, und das brachte – wie zuvor schon die Ausstellung von Florian Thate – gleich einen ganzen Schwung Gleichaltriger nach Merdingen. Jung ist auch Kunsthistorikerin Paula Michalk, die in ihrer Laudatio nicht ausschließlich in das Werk Elisabeth Zellers einführte, sondern den Betrachtern von Bildern Anregungen mit auf den Weg gab, die einen individuellen Zugang zum Gezeigten ermöglichen können. "Was muss man wissen, damit Bilder sprechen?", fragte Michalk sich und die Anwesenden. Eigentlich nichts, lautete die ermutigende Antwort, denn jeder Betrachter verfüge als "subjektiv wahrnehmendes Wesen" bereits per se über die notwendigen Zugangsdaten zur Bildbetrachtung.

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Was es von Elisabeth Zeller zu sehen gibt, sind zunächst einmal Fotografien von Menschen, die auf Hartfaserplatten aufgebracht wurden. Vom menschlichen Auge über die Kamera bis zum Malgrund und letztlich nochmals auf diesem haben die Abbilder allerdings einen eindrucksvollen Verwandlungsprozess durchgemacht, der zum einen technischer Natur ist, zum anderen der Verfremdung durch die Künstlerin geschuldet ist. Zeller verbirgt so wieder das zunächst fotografisch Festgehaltene. Dies kann durch teilweises Überdecken ebenso geschehen wie durch Auflösen der Konturen beispielsweise durch stark bewegte Linien oder ein Verwaschen mittels halbtransparenter Flächen.

Hier beginnt das Vexierspiel, das mit der Gewohnheit des menschlichen Gehirns arbeitet, aus einem einmal als gegenständlich erkannten Fragment das Ganze machen zu wollen. Dies wirkt besonders dort, wo ein menschliches Abbild vermutet wird. Am Rande eines expressiven Linienstrudels ist doch ein Fuß. Sogleich starrt das suchende Auge des Betrachters so lange auf das scheinbar zufällige Strichgewirr, bis daraus der Rest des Körpers zu wachsen scheint.

Umgekehrt geht es auf anderen Tafeln zu. Dort scheinen manche der Linien und Flächen erst zu Körpern werden zu wollen, wenn sie denn erst einmal zur Ruhe gekommen sind. Auf einer weiteren Hartfaserplatte herrscht dichter Nebel. Wie bei dem echten Naturphänomen will das Auge diesen durchdringen, denn zunächst nur vage Konturen verraten, dass auch hier ein menschlicher Körper versteckt ist.

Elisabeth Zeller spielt jedoch nicht nur mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren, sondern ebenso souverän und verführerisch mit Farbe und Form. Manche Tafeln sind schlicht schwarz-weiß gehalten, der Farbauftrag sparsam, so dass der Holzton der Hartfaserplatten dominiert, anderen wurde mit bunten Stiften eine florale Ornamentik beigebracht, so dass die hier verborgenen Gestalten von einem Hundertwasser-Wirbel verschluckt zu sein scheinen. Wieder andere Platten sind fast vollständig verdeckt. Zum pastosen Farbauftrag kommt hier üppige Goldzier und entführt zwei fast lebensgroße figurale Schatten in die Welt des Jugendstils.

Drei Stichworte als Suchhilfen verriet Paula Michalk den ersten Ausstellungsgästen: Konzentrationspunkt, Flächigkeit und Tiefe. Die goldene Regel sei jedoch "Ihr eigenes Tempo zählt" – damit nahm die Laudatorin den Besuchern die Angst vorm Leistungsdruck bei der Betrachtung.

Die Ausstellung "Mit Füßen und Mimik" von Elisabeth Zeller ist bis 8. Mai samstags von 16 bis 18 Uhr und sonntags von 12 bis 18 Uhr im Haus am Stockbrunnen, Stockbrunnengasse 2a, in Merdingen zu sehen. Am letzten Ausstellungstag gibt es um 18 Uhr eine Finissage, bei der die Künstlerin nochmals anwesend sein wird.

Autor: Julius Steckmeister