"Der richtige Zeitpunkt loszulassen"

Andrea Gallien

Von Andrea Gallien

Mo, 23. Juli 2018

Merzhausen

BZ-INTERVIEW mit Lore B. Illy zum Ende des Fördervereins Hildegard-Haussmann-Haus in Merzhausen.

MERZHAUSEN. 23 Jahre lang gab es den Hildegard-Haussmann-Förderverein. Kürzlich wurde er aufgelöst und aus dem Vereinsregister gestrichen. Bei einer letzten Hauptversammlung wurde zurückgeblickt auf die Geschichte des Vereins, seine Ziele und seine Erfolge und auch darauf geschaut, wie es künftig weitergeht mit dem Haus für betreutes Wohnen in Merzhausen. Andrea Gallien sprach darüber mit Lore B. Illy, die seit 2003 bis zum Ende an der Spitze des Fördervereins stand.

BZ: Frau Illy, sind Sie traurig?

Illy: Ja, auf der einen Seite schon. Ich habe den Förderverein seit seiner Gründung mit begleitet und seit 2003 bin ich auch gerne Vorsitzende gewesen. Jetzt ist mir das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich, und da sich keine Nachfolge fand, war das Ende des Vereins unausweichlich. Auf der anderen Seite wissen wir das Haus bei Gemeinde und Caritas in guten Händen. Es ist sehr gepflegt, die Menschen, die dort leben, identifizieren sich mit dem Haus – es ist also der richtige Zeitpunkt, um loszulassen.

BZ: Der Zweck des Vereins war ja bereits mit der Fertigstellung des Hildegard-Haussmann-Hauses 2001 erreicht.

Illy: Das Ziel, warum der Förderverein 1995 unter Vorsitz von Brigitte Osberghaus gegründet wurde, war der Wunsch, eine Einrichtung wie ein betreutes Wohnen im Alter in Merzhausen zu schaffen. Das wurde im Gemeinderat in dieser Zeit diskutiert. Damals erinnerte man sich auch wieder an das Testament von Hildegard Haussmann, die bereits 1960 gestorben war.

BZ: Was hatte es damit auf sich?

Illy: Da muss man etwas in die Geschichte zurückgehen: Die Mutter von Hildegard Haussmann war Jüdin, sie selber Halbjüdin. In der Nazizeit bekam die Familie, die im Hildenhof im Schlossweg 1a lebte, keine Essensmarken und wurde von Bürgern aus dem Ort versorgt. Daraufhin vermachte sie in ihrem Testament Haus und Grundstück der Gemeinde mit der Auflage, dort eine betreute Einrichtung für ältere Menschen zu schaffen.

BZ: Das Haus wurde letztlich aber östlich des Friedhofs gebaut, den Hildenhof gibt es heute nicht mehr.

Illy: Tatsächlich gab es nach Bekanntwerden des Testaments vehemente Diskussionen, auch über den Standort, in die auch das Regierungspräsidium und auf Seiten des Fördervereins Gerd Huke eingeschaltet wurden. Letztlich war es die Idee des damaligen Bürgermeisters Eugen Isaak, das Haus mehr in die Ortsmitte zu holen; der Standort des Hauses hat sich auf jeden Fall bewährt. Die Umsetzung des Testaments wurde durch den Bau des Hauses verwirklicht; der Name Hildegard Haussmann wird durch das Haus und den Zugangsweg in Erinnerung gehalten.

BZ: Wie viele Menschen leben dort?

Illy: 20 Menschen leben im Hildegard-Haussmann-Haus in 19 Wohnungen, anderthalb oder zwei Zimmer groß. Zudem gibt es einen großen Gemeinschaftsraum und im Keller einen weiteren Raum mit Sportgeräten. Bis 2013 war die Arbeiterwohlfahrt (AWO) der Betriebsträger, seither ist es die Caritas.

BZ: Warum hat der Förderverein nach Fertigstellung des Hauses 2001 sein Engagement fortgesetzt?

Illy: Viele Mitglieder waren der Ansicht, dass der Verein als Bindeglied zwischen Bewohnern, Verwaltung und Betreuungsträgern weiter bestehen und sich um das kulturelle Programm und um die Förderung der Hausgemeinschaft kümmern sollte. Das ist dann auch so gekommen. Wir haben die Satzung entsprechend geändert. Allerdings gab es einen deutlichen Mitgliederschwund, weil von den ursprünglich 120 Mitgliedern viele Interesse gehabt hatten, selbst in dem Haus zu wohnen, und sich deshalb engagiert hatten. Nach der Satzungsänderung waren es noch 40 Mitglieder, jetzt zum Schluss etwa 30.

BZ: Gab es für Sie besondere Programmpunkte, die gelungen sind?

Illy: Wir haben immer wieder Veranstaltungen wie Exkursionen, Feste und Konzerte organisiert und finanziert. Es gab einen guten Kontakt zur Grundschule nebenan: Ausstellungen von Schülerzeichnungen fanden regelmäßig statt. Den Kontakt zwischen älteren und jungen Menschen habe ich gerne gefördert: Die jährlichen Vernissagen der Ausstellungen waren jedes Mal ein fröhliches Treffen von Jung und Alt. Und natürlich, das muss ich sagen, die Bouleanlage an der Sporthalle, die zumindest früher von Hausbewohnern gern genutzt wurde. Einzelne Bewohner und auch der Verein haben den Bau ja finanziell unterstützt.

BZ: Und jetzt übergeben Sie das Haus gut bestellt?

Illy: Ja, aus unserer Sicht ist alles gut bestellt. Die Bewohner haben mittlerweile zwei Sprecher, die die Brückenfunktion zwischen Haus, Verwaltung und Träger übernehmen. Es gibt regelmäßige Programmpunkte wie das gemeinsame Frühstück einmal im Monat, das auch künftig unter Regie der Caritas fortgeführt wird.

BZ: Das restliche Vermögen des Vereins – gut 10 000 Euro – haben Sie der Gemeinde übergeben. Was passiert damit?

Illy: Wir wissen das Geld bei Bürgermeister Ante in guten Händen. Die Zusammenarbeit war immer sehr gut. Er hat bereits angekündigt, von dem Geld die Kosten für Feste im Sommer und zu Fasnacht oder für Anschaffungen für das Haus nutzen zu wollen, so wie wir dies bislang auch getan haben. Ich würde mich freuen, wenn Menschen auch künftig das Haus und die Bewohner in Testamenten bedenken. Das war immer sehr hilfreich und wird auch sicher weiterhin im Sinne des Hauses und des Gedenkens an Hildegard Haussmann verwendet.

Lore B. Illy (79) lebt seit 40 Jahren in Merzhausen. Bis 2014 war sie 25 Jahre lang für die SPD im Gemeinderat. Den Förderverein hat sie seit der Gründung begleitet, seit 2003 als dessen Vorsitzende.