"Es ist humane Pflicht, Menschen zu retten"

Gabriel Kroher

Von Gabriel Kroher

Sa, 28. Juli 2018

Merzhausen

Georg Albiez erzählt in Merzhausen von seinem Dienst als Schiffsarzt auf der Lifeline / 234 Flüchtlingen das Leben gerettet.

MERZHAUSEN. Eigentlich ist Georg Albiez schon lange nicht mehr politisch aktiv. Doch dann hatte er seine Erlebnisse als Schiffsarzt auf der Lifeline, ein Schiff, das Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat. Seitdem verteilt er wieder Flyer, geht zu Kundgebungen, hält Vorträge. Albiez hat lange am Bad Krozinger Herzzentrum gearbeitet, seit März ist er in Rente. Im Juni dann ging er mit der Lifeline auf Fahrt. Das Schiff erlangte traurige Berühmtheit als Symbol für die Probleme der europäischen Flüchtlingspolitik. Auf Einladung des SPD-Kreisverbandes Breisgau-Hochschwarzwald erzählt Georg Albiez die Geschichte seiner Seefahrt.

Das Schiff wird von der Dresdner Nicht-Regierungsorganisation "Mission Lifeline" finanziert. Anfang Juni brach es von Malta in Richtung Libyen auf. Den Raum zwischen europäischem, internationalen und libyschen Gewässer, in dem die Rettungsschiffe kreuzen, nennt Albiez die "tödlichste Grenze" der Welt. Auf dem Meer seien sie meist allein gewesen, ohne regelmäßigen Funkkontakt, in der Ferne nur einige Schiffe der US-Marine, sagt der 65-Jährige. Das "riesengroße Seegebiet", werde nur noch von wenigen Rettungsschiffen befahren.

Am 21. Juni tauchten schwache Punkte auf dem Radarmonitor des Schiffes auf. Als die Retter darauf zusteuerten, trafen sie auf zwei Schlauchboote in Seenot. Die Lifeline nahm die 234 Schiffbrüchigen auf, darunter 16 Frauen und 80 Minderjährige. Die Menschen seien zum Teil in sehr schlechtem gesundheitlichen Zustand gewesen, sagt Albiez. "Einen Mann habe ich mit einem Ultraschallgerät untersucht. Er hatte eine Lungenquetschung, die er durch Folter in einem Lager in Libyen erlitten hatte", sagt Albiez. Über mehrere Tage hat der Anästhesiologe den Mann intensiv behandelt, bis es ihm merklich besser ging – ein kleiner Triumph. Auch mit an Bord: ein junger Mann, der sich zum vierten Mal auf die gefährliche Reise nach Europa machte. Zuvor wurde er stets von der libyschen Küstenwache abgefangen. Die Küstenwache näherte sich auch der Lifeline. Albiez sagt, sie forderte die Übergabe der Geflüchteten. "Viele sagten: ,Lieber springe ich ins Meer und sterbe, als zurück nach Libyen zu gehen.’ Wir ihnen versprochen, dass sie an Bord bleiben können".

Die Lifeline war nach der Rettung tagelang auf hoher See unterwegs. Weder Malta noch Italien erlaubten dem Schiff, anzulegen. Letztlich erklärte sich Malta bereit, die Besatzung aufzunehmen. Die Flüchtlinge sollen auf verschiedene europäische Länder verteilt werden. Die Geschichte des Schiffs schlug hohe Wellen. Der deutsche Innenminister Horst Seehofer sprach sich für die strafrechtliche Verfolgung der Besatzung aus. Er sagte, es dürfe kein "Shuttle" zwischen Libyen und Südeuropa geben. Der deutsche Kapitän muss sich inzwischen vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, ein nicht registriertes Schiff gesteuert zu haben. Albiez hält es für einen "Skandal", dass Flüchtlinge an die libysche Küstenwache übergeben werden sollten, während die Menschen, die sie retten wollen, angeklagt werden. "Hier wird Recht zu Unrecht verbogen."

Es sei humane Pflicht, Leben zu retten. Den EU-Staaten und Deutschland wirft er vor, Seerecht zu brechen und das Grundgesetz zu missachten. Er fühlt sich als Spielball der Politik. Und er ruft zu Zivilcourage auf. Birte Könnecke, Kreisvorsitzende der SPD, schließt sich dem Aufruf an. Sie fordert, rechtspopulistischen Parolen entschlossen entgegen zu treten.

Albiez fordert die Menschen auf, sich stärker für eine liberalere Flüchtlingspolitik und für Seenotrettung auf dem Mittelmeer einzusetzen. Damit im "Massengrab" Mittelmeer nicht noch mehr Menschen sterben. "Ich bin zum Aktivisten geworden", sagt Georg Albiez.