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27. August 2011
Hermann Benz betreut Demenzkranke: „Ich bekomme sehr viel zurück“
Hermann Benz aus Norsingen ist einer von 28 Ehrenamtlichen in der Region, die sich um Demenzkranke kümmern.
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Die Demenzkranken an die Hand nehmen – das machen die 28 ehrenamtlichen Helfer der Sozialstation Mittlerer Breisgau. Foto: Silvia Faller
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Die Demenzkranken an die Hand nehmen – das machen die 28 ehrenamtlichen Helfer der Sozialstation Mittlerer Breisgau. Foto: Silvia Faller
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Ist einer der ehrenamtlich Engagierten: Hermann Benz Foto: Silvia Faller
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Ist einer der ehrenamtlich Engagierten: Hermann Benz Foto: Silvia Faller
SCHÖNBERG/HEXENTAL. Bei der Sozialstation Mittlerer Breisgau gibt es 28 ehrenamtlich Engagierte, die Familien mit demenzkranken Angehörigen unterstützen. Einer von ihnen ist Hermann Benz aus dem Ehrenkirchener Ortsteil Norsingen. Nachdem er einen Einführungskurs absolviert hat, besucht er seit Mai an zwei Tagen in der Woche den 76-jährigen Siegfried Bader (Name von der Redaktion geändert) aus einem der Dörfer am Schönberg.
Das ist für beide Seiten eine gute Sache. "Ich bekomme mehr zurück, als ich gebe", sagt Hermann Benz, worauf die Ehefrau seines Schützlings entgegnet: "Er ist eine große Hilfe. Wenn Herr Benz da ist, kann ich aus dem Haus, etwa zum Einkaufen oder zu einem Arzttermin, ohne mir Sorgen zu machen." Genau das sind auch die Ziele des 2004 etablierten Angebots der Sozialstation: dass Angehörige nicht allein sind, sondern jemanden haben, dem sie den geliebten Menschen anvertrauen können. Und dass der Helfer die Demenz nicht als etwas Schreckliches ansieht, sondern es annimmt, dass sich ein Leben auch anders entfalten kann als unter der Maxime von Rationalität und Leistungsfähigkeit. "Jemand, der den Kranken da abholt, wo er steht und die Kompetenzen, Fertigkeiten und Erinnerungen, die noch da sind, lebendig hält", ergänzt Heike Ostrowski von der Beratungsstelle für ältere Menschen und ihre Angehörigen, die zusammen mit ihrer Kollegin Christa Vogt Einführungskurse für die Engagierten ausrichtet und die Helferinnen und Helfer fachlich begleitet. Die Kurse, sie werden vom Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald finanziert, vermitteln dieses Aufgabenverständnis, aber auch Wissen über Ursachen und Erscheinungsformen der Demenz.Werbung
Es war vor vier Jahren, als die Familie merkte, dass mit Siegfried Bader etwas nicht stimmt. "Ein Abwasserrohr war verstopft und er wusste nicht, was zu tun war", erzählt seine Ehefrau. Dabei habe er die ganzen Jahre über von sich aus die kleinsten Mängel im Haus und auf dem Hof wahrgenommen und repariert. Als Siegfried Bader selbst den Verlust seiner Fertigkeiten realisierte, war er schockiert. Es war ein Sommertag. Zusammen mit seinem Sohn arbeitete er draußen im Hof. Er wollte einen Holzbalken absägen und verfehlte das Maß.
Im Herbst 2008 diagnostizierte die Memory-Ambulanz der Freiburger Universitätsklinik: Siegfried Bader leidet an der Demenz vom Typ Alzheimer. "Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen und ich identifizierte zahlreiche Ereignisse und Beobachtungen schon weit davor als erste Anzeichen", erzählt seine Frau. Ihr Mann ist einer von 1,3 Millionen Deutscher, die nach Angaben des Bundesfamilienministeriums an Demenz leiden. Weil die Gesellschaft älter wird, rechnen Fachleute damit, dass sich diese Zahl bis 2050 verdoppeln wird. Anders als viele glauben, werden die meisten Pflegebedürftigen und damit auch die meisten Demenzkranken daheim von Angehörigen versorgt– im Schnitt sieben bis acht Jahre. Das ist eine lange und in den meisten Fällen eine sehr anstrengende Zeit. "Die Angehörigen brauchen Hilfe aber auch die Möglichkeit, sich auszusprechen", sagt Heike Ostrowski. Die Sozialstation gibt deshalb Kurse für Angehörige, denn auch sie müssten lernen, mit dem Kranken umzugehen, sich zu öffnen, über ihre Nöte zu sprechen und Hilfe zuzulassen.
Bei Siegfried Bader ist es mittlerweile so, dass er Geräte oder Maschinen gar nicht mehr bedienen kann. Er ist mit dem Gehwagen unterwegs und braucht bei allen Alltagsverrichtungen Hilfe, sei es beim Anziehen oder beim Essen. Auch häufen sich die Augenblicke, in denen er nicht weiß, wo er sich gerade befindet. Dann will er "heim gehen", auch wenn er dort schon ist. "Manchmal führen wir eine normale Unterhaltung und auf einmal ist er weit fort", erzählt seine Frau.
Gut zu Recht kommt er in der Vergangenheit. Das weiß Hermann Benz, weshalb er oft mit ihm in den Wald geht, wo Siegfried Bader viele Jahre lang gearbeitet hat, wo er junge Bäume gepflanzt und alte Bäume gehauen, Brennholz aufgesetzt und Wege repariert hat. Biografieorientierte Milieugestaltung nennen Fachleute diese Herangehensweise. Weil aktuelle Eindrücke bei Demenzkranken nicht mehr in Bewusstsein und Gedächtnis dringen, lässt man sie in bereits Erlebtes eintauchen. Im Falle Siegfried Baders ist das der Wald. Deshalb versteht er sich auch so gut mit Hermann Benz, der von Beruf Forstsachverständiger war. Einen Baum zu bestimmen, selbst wenn es sich erst um einen zweijährigen Schössling handelt, ist für Bader kein Problem. Auch kennt er sich nach wie vor gut aus im Forstrevier am Schönberg und weiß noch gut, in welchen Gewannen er einst gearbeitet hatte. Demnächst wollen die beiden draußen vespern, was auch ein Anker aus der Vergangenheit ist. Siegfried Bader freut sich auf die Besuche von Hermann Benz, auf den Wald und auch auf die Spaziergänge durch den Ort, wo viele ihn kennen, stehen bleiben und fragen, wie es geht. Und seine Frau freut sich, dass sich die beiden so gut verstehen. Nach den jeweils zweistündigen Treffen sei ihr Mann zufrieden und ausgeglichen, und zwar über viele Stunden hinweg. Offenbar gibt das Erinnern Halt und Sicherheit in einer Gegenwart, die dem Kranken zunehmend strukturlos und verschwommen erscheinen muss. Siegfried Bader hört zu und beantwortet viele Fragen selbst, wobei er Zeit braucht, Antworten zu finden und zu formulieren und sich dennoch vertut– noch weiß er, was mit ihm los ist.
So wie Hermann Benz begleiten auch die anderen 27 Helferinnen und Helfer jeweils einen Erkrankten. Die Nachfrage übersteigt das Angebot. Heike Ostrowski wirbt eindringlich für diese Form des ehrenamtlichen Engagements. Abgesehen davon, dass die betroffenen Familien Unterstützung erfahren, hält sie es für wichtig, dass sich möglichst viele Menschen öffnen für Demenzkranke. "Denn sie gehören dazu, und wenn sich viele kümmern, braucht sich die Gesellschaft wegen ihrer Zukunft nicht zu sorgen", sagt Ostrowski.
Autor: Silvia Faller


