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28. September 2011

Lernen je nach Leistungsvermögen

Eine der drei ersten Klassen der Hexentalschule in Merzhausen ist eine Inklusionsklasse mit Kindern mit und ohne Handicap.

  1. ... Tempo und Methode werden auf die Bedürfnisse der Kinder abgestimmt. Foto: Privat

  2. Foto: privat

  3. Foto: privat

MERZHAUSEN. Der Schulamtsbezirk Freiburg gehört zu den fünf Modellregionen in Baden-Württemberg, in denen in den kommenden Jahren Erfahrungen mit der inklusiven Beschulung gesammelt werden. Zu den Schulen, die so genannte Inklusionsklassen bilden, also Klassen, in denen behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden, gehört die Hexentalschule in Merzhausen. Drei erste Klassen gibt es dort seit Schuljahresbeginn, in einer werden – neben zwölf weiteren – vier Kinder mit besonderem Förderbedarf unterrichtet.

Den Anfang machte von anderthalb Jahren nicht etwa eine Anordnung "von oben", sondern die Anfrage von Eltern aus Merzhausen, die bereits ein Kind an der Hexentalschule hatten und ihr zweites Kind, ein Kind mit Handicap, auch gerne dort aufgenommen sehen wollten. Schulleiterin Claudia Hoch und das Kollegium waren, so die Schulleiterin, sehr offen für die Idee, ein Kind mit Handicap aus dem Ort auch in der Schule am Ort zu unterrichten. Seit zwei Wochen ist es soweit.

Gemeinsam mit drei Kindern aus Freiburg geht das Kind auf die Hexentalschule, formal allerdings noch als Schulkind der Richard-Mittermaier-Schule für Menschen mit geistiger Behinderung in der Wiehre. Margot Ocker ist Lehrerin an dieser Schule, jetzt ist sie gemeinsam mit Grundschullehrerin Christina Mandel für die Inklusionsklasse in Merzhausen verantwortlich. 20 Stunden ist sie in der Klasse, auf deren Wochenplan derzeit 22 Stunden stehen. Hinzu kommt eine Referendarin, die an drei Tagen mit in der Klasse ist und eine junge Frau, die ihr freiwilliges soziales Jahr dort ableistet.

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Dem Start der Inklusionsklasse vorausgegangen ist eine intensive Vorbereitung. Zahlreiche Fortbildungen haben Margot Ocker und ihre Kollegin gemacht. Diese hat auch an der Schule in der Wiehre hospitiert, um einen Eindruck zu bekommen vom dortigen förderpädagogischen Angebot. Das Kollegium der Hexentalschule musste sich in das neue Thema einarbeiten. Stephan Hiller von der Richard-Mittermaier-Schule lobt ebenso wie Claudia Hoch die Offenheit auf beiden Seiten. "Manche Regelschule", so hat Hiller erlebt, "tut sich schwer damit, Kinder mit Handicap bei sich aufzunehmen." In Merzhausen aber sei nie die Frage im Raum gestanden "warum wir?", sondern das Thema war gleich "wie gehen wir es an?" In diese Frage wurden auch die Eltern der 47 Erstklässler einbezogen. Sie konnten entscheiden, ob ihr Kind in die Inklusionsklasse gehen soll oder nicht. Das Ergebnis: Weit mehr Eltern wollten einen Platz in der Inklusionsklasse als Kinder aufgenommen werden konnten. Zwölf hat die Schule letztlich ausgewählt, so Claudia Hoch, das Verhältnis Jungen/Mädchen habe eine Rolle gespielt, gemeinsame Schulwege und Freundeskreise, die nicht auseinandergerissen werden sollten. Die anderen beiden ersten Klassen haben 16 und 19 Schüler.

Die ersten Erfahrungen, die Christina Mandel und Margot Ocker gemacht haben, sind positiv. Die Kinder, so haben sie beobachtet, haben schon ein Klassengefühl entwickelt und verstehen offenbar bereits, dass in einer Gemeinschaft Menschen unterschiedlich viel können, unterschiedlich schnell lernen und entsprechend differenziert gefördert werden müssen. Als Team verstehen sich auch beiden Lehrerinnen, auch wenn es vor allem für Christina Mandel eine große Umstellung bedeutet. Gerade an die größere Unruhe in der Klasse müsse sie sich noch gewöhnen, die Kinder, so haben beide Lehrerinnen beobachtet, kommen damit gut zurecht.

Der Schultag beginnt jeden Tag mit dem gleichen Ritual: Erst wird ein Begrüßungslied gesungen, dann sitzen alle im Kreis und besprechen, wie der Vormittag verlaufen soll. Anschließend gehen die Kinder an ihren Platz und bekommen Arbeitsaufträge. Nicht nur bei den Kindern mit Handicap sind die unterschiedlich, sagt Christina Mandel, auch bei den anderen werden je nach Leistungsvermögen bereits differenzierte Aufgaben gestellt. In einer Inklusionsklasse, so Mandel, sei nur das Spektrum der notwendigen individuellen Förderung der Kinder größer als in einer Regelklasse.

Das sei auch die pädagogische Herausforderung: ein Thema gemeinsam zu behandeln, aber mit unterschiedlichem Tempo und ganz unterschiedlichen Methoden zu arbeiten. Wichtig sei dabei, dass in der Klasse von allen Schülern gleiche Regeln eingehalten werden. "Dafür sorgen die Kinder untereinander schon selber", so Stephan Hiller. Für die Kinder mit Handicap sei die Chance, sich so sozial zu integrieren, besonders wichtig. Das sei in der Sonderschule so nicht möglich wie in der Inklusionsklasse.

Dennoch gebe es Kinder, die auf der Sonderschule besser gefördert werden können, als auf einer Regelschule. "Die Inklusion ist nicht allein seligmachend", sagt Stephan Hiller. Den pädagogisch sinnvollen Weg für jedes Kind je nach dessen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu finden sei eine wichtige Aufgabe für Eltern und Pädagogen, die Inklusionsklasse dabei ein mögliches Angebot.

Wird es jetzt jedes Jahr eine Inklusionsklasse in Merzhausen geben? "Wir werden jedes Jahr die Bedingungen neu abklopfen", sagt dazu Schulleiterin Claudia Hoch. "Die jetzt in diesem Schuljahr gesammelten Erfahrungen werden dazu beitragen zu entscheiden, wie es weitergeht." Der Wunsch, dass Inklusion zum Profil der Hexentalschule gehört, bestehe in jedem Fall.

Autor: Andrea Gallien