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05. März 2009

Leserbriefe

Hauptschule Merzhausen

"Abstimmung

mit den Füßen"

Zur Situation der Hauptschule Merzhausen und den BZ-Artikeln vom 26. und 28. Februar:

"Ist die Hauptschule jetzt am Ende?", ist die Überschrift des Artikels von Andrea Gallien in ihrem informativen Artikel über die Grund- und Hauptschule in Merzhausen. Nur noch vier Schüler aus der 10 000 Einwohner zählenden Verwaltungsgemeinschaft Hexental werden für die künftige 5. Klasse erwartet.

Was sich an der Hauptschule in Merzhausen ereignet, ist eine "Abstimmung mit den Füßen", die sich an vielen Orten in Baden-Württemberg erleben lässt. Zur Abstimmung steht das mehrgliedrige Schulsystem des Bundeslandes. Schon im Alter von zehn Jahren sollen Eltern und Lehrer über die künftige Schullaufbahn von Kindern entscheiden. Allgemein bekannt ist, dass die beruflichen Aussichten von dem Grad des schulischen Abschlusses wesentlich beeinflusst werden und etwa die Hälfte der Hauptschüler nach Beendigung der Schule sich über viele Jahre in Warteschleifen bei der Suche nach einer beruflichen Qualifikation befindet.

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Daher ist es nur zu verständlich, dass viele Eltern mit aller Macht sich bemühen, ihren Kindern zu einer Realschul- oder Gymnasialempfehlung zu verhelfen. Ein selektives Schulsystem ab Klasse 5 lässt keine andere Wahl. Statt mutig eine Bildungsreform anzugehen, wird auch in Baden-Württemberg weiter an den Symptomen herumgebastelt. Um die Misere der Hauptschule zu beheben, wird neben Förderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium eine fünfte Schulform aufgebessert, die Werkrealschule. Sie gibt es zwar schon länger, in der Kooperation mit der beruflichen Bildung wird sie jetzt als der Ausweg aus der immer größer werdenden Hauptschulmisere hochgelobt.

Verschwiegen wird, dass das ohnehin nur klappen kann, wo ein berufliches Schulwesen in erreichbarer örtlicher Nähe ist und es erfolgt in den verschiedenen Veröffentlichungen kein Hinweis auf die Hauptschüler, die aus verschiedenen Gründen (z.B. Notenschnitte, räumliche Entfernung) nicht auf eine Werkrealschule können und auf den bisherigen Hauptschulen verbleiben. Haben sie nicht noch deutlich mehr unter der Stigmatisierung zu leiden, "nur" einen Hauptschulabschluss zu haben? Werden Schüler und Lehrer auf den verbleibenden Hauptschulen nicht noch mehr unter den "sozialen Lernmilieus" zu leiden haben, die sich auf diesen Rest-Restschulen bilden werden?
Gerade viele der engagiertesten Hauptschulrektoren, wie die über 100 "Schwäbischen Rebellen", setzen sich im Interesse aller Schüler für ein längeres gemeinsames Lernen bis Klasse 10 ein. Mit Recht verweisen sie auf die skandinavischen und kanadischen Schulen, die unter dem Motto "Keiner darf verloren gehen" Schüler aller Leistungsvermögen (Behinderte eingeschlossen!) bis Klasse 10 gemeinsam unterrichten und sowohl "schwächere" wie Spitzenschüler mit großem Erfolg fördern. Ist das nicht ein Schulsystem das einer modernen, demokratischen Gesellschaft entspricht ?
Helmut Gattermann, Merzhausen

Autor: bz